Der Nächste bitte: Von Canon zu Fuji… (Teil 1)

„Boah, nicht noch einer, der wechselt“, mag mancher denken, der auf diesen Blogpost gestoßen ist. Ja, das Netz ist voll von Berichten derer, die (meist) von Nikon oder Canon zu Fuji wechseln oder gewechselt sind. Auch ich lese seit Monaten Reviews über die X-T2, die X-Pro2 und die Fujinon Linsen. Und ich plane genau das: Den Wechsel meines Kamera-Systems nach über 25 Jahren Canon.

Die Berichte über diese Wechsel haben ja immer die Schwäche, dass man natürlich keinen Verriss über die Fuji schreiben kann, nachdem man gerade sein mühsam erspartes Vollformat-Equipment mit unfassbarem Wertverlust verkauft und die spärlichen Erlöse unter Zuhilfenahme aller Sparschweine und Ausschluss aller ehelichen Konsultationen in ein Häufchen schwarzes Fuji-Equipment investiert hat. Kurzum: Wenn der Umstieg passiert ist, ist man zum Erfolg verdammt. Nur Menschen mit ausgeprägter innerer Größe wären vielleicht in der Lage, am Ende zu sagen: „Es war ein Irrtum“ um dann reumütig wieder zum alten System zurückzukehren, um dabei noch mehr Geld zu verbrennen.

Ich habe mich daher entschlossen, Euch an diesem Prozess teilhaben zu lassen, nicht zuletzt auch, um mir selbst den Rückweg abzuschneiden, bei der Bewertung des Wechsels im Nachhinein plötzlich andere Kriterien anzulegen, als sie es ursprünglich einmal waren. Ich werde Euch hier also über meine Überlegungen, die einzelnen Schritte und Erfahrungen auf dem Laufenden halten, um ein möglichst realistisches Bild des Wechsels zu zeichnen, denn mir ist völlig klar: Es ist nicht alles Gold was glänzt. Wer mit dem Gedanken an einen Wechsel spielt, wird nur noch positive Berichte lesen, man gerät in eine Filterblase, die einen vielleicht auch von kritischen Stimmen fernhält und die Aussicht, sich tonnenweise neues Equipment quasi kaufen zu „müssen“ verleitet natürlich auch den ein oder anderen, sich etwas mit Scheuklappen dem Thema „Systemwechsel“ zu nähern. Ich verspreche, ich werde versuchen, ehrlich mit mir und mit Euch zu sein.

 

Voraussetzungen

Ich fotografiere Hochzeiten und Porträts. Nicht hauptberuflich, sondern neben meinem mich ansonsten auch erfüllenden Hauptjob. Das ist insofern wichtig, weil es bedeutet, dass mir nicht unbegrenzt Mittel zur Verfügung stehen und ich nicht befreit investieren kann, wonach mir gerade ist. Ich verdiene mit meinen Jobs nicht so viel, dass Geld keine Rolle spielt und Investitionen vor allem dazu da sind, am Ende Steuern zu sparen. Und Investitionen müssen in einem vernünftigen Verhältnis zu meinem Umsatz stehen.

Ich fotografiere zur Zeit mit einer Canon 5DIII und einer 6D. Dazu Sigma Art-Festbrennweiten 35mm 1.4, 50mm 1.4, 85mm 1.4, ein 16-35mm 4.0 IS L. Bis vor kurzem gab es auch noch ein 24-70mm 2.8 L und ein 70-200mm 2.8 IS L II. Unter dem Strich ein hochwertiges, hochpreisiges und gutes Equipment, das ich lange Zeit sehr mochte. Gesamtgewicht gefühlt bei zwei Kisten Bier.

Ich habe meine digitale Ära angefangen mit einer 40D, gefolgt von einer 7D und schließlich dem heutigen Equipment. Zwischendurch habe ich den ersten Fremdgehversuch mit einer Olympus OM-D E-M1 unternommen, den die Canon noch für sich entscheiden konnte. Seit kurzem habe ich eine Fuji X100T, deren Bedienung und Haptik ich liebe. Meine Fuji-Einstiegsdroge.

 

Meine Wechselgründe

Schon lange hadere ich mit dem Gewicht. Also dem der Kameras. Obwohl, mit meinem eigenen auch, aber das ist ein anderes Thema. Eine lange Sommerhochzeit mit vollem Equipment bringt mich bisweilen an die körperlichen Grenzen und auch darüber hinaus, einen Assistenten habe ich nicht und der hielte mir die Kamera auch nicht beim Fotografieren. Aus diesem Grund kam das 70-200 immer seltener zum Einsatz, irgendwann gar nicht mehr mit und schließlich ganz weg. Eine Traumlinse mit einem Albtraum-Gewicht.

Ich bin -und das klingt nach so langer Zeit verrückt- nie wirklich mit meiner Canon verschmolzen. Das berühmte blinde Verständnis war nie da. Ich hatte mir mit 18 Jahren eine EOS 1000 gekauft und war seitdem bei Canon hängengeblieben (inkl. Pausen und kleineren Ausflügen zu Panasonic). Aber es war nie so, dass ich dachte: Diese oder keine. Ich kenne mich mit Canon aus, aber ich war mir nie sicher, ob mir eine Nikon nicht vielleicht viel mehr gelegen hätte. Ich habe es nie ausprobiert, weil ich mich dann doch irgendwie dran gewöhnt hatte. Aber ich bin kein Canon Fanboy. Es ist ein einfach ein Gerät, dessen Qualität und Zuverlässigkeit ich schätze, dessen Möglichkeiten und Bedienung mich aber bisweilen auch überforderten. Erst seit ich mit dem Gedanken an einen Systemwechsel spiele und die Freude an der X100T entdeckte, erlaube ich mir diese Gedanken und frage mich, ob ich untrennbar mit dieser Firma und ihren Produkten verbunden bin. Die Antwort ist „Nein.“ Ich nutze diese Kameras, aber ich liebe sie nicht. Theoretisch wäre also auch ein Wechsel zu Nikon eine Option.

Schließlich gibt Canon sich gerade alle Mühe, Kunden wie mich zu verprellen. Ich lege Wert auf gutes Equipment, muss mir aber jede Linse und jeden Body mühsam verdienen. Bereits die Preisentwicklung bei den guten L-Objektiven hat mich in den letzten Jahren schockiert in die Arme von Sigma getrieben. Nun möchte Canon für die neue 5D Mark IV über 4000,- € haben. Ich habe verstanden: Ich bin als Kunde nicht mehr erwünscht, Ihr wollt nur noch die, bei denen solche Investitionen keine Rolle spielen. Das ist ok, aber dann steige ich eben aus. Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Dass Canon und Nikon auf der photokina auch einen innovationsmäßigen Offenbarungseid abgelegt haben, kommt erschwerend hinzu. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die beiden Riesen ihre schwindenden Umsätze durch Preiserhöhungen ausgleichen wollen. Ob das funktioniert? Wer weiß. Zumindest bin ich damit raus. Für den Preis einer 5D Mark IV bekomme ich 2 X-T2 und ein paar schöne Linsen.

 

Meine Erwartungen

Die 5DIII und auch die 6D sowie mein Sigma ART/Canon L-Linsenpark sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben. Die Fehler sind meistens meine. Eine andere Marke wird meine Fotos vermutlich nicht per se besser machen. Es sei denn, sie verändert meine Art zu fotografieren. Und das könnte sogar sein und ehrlicherweise ist das fast meine größte mit dem Wechsel verbundene Hoffnung. Eine Kamera, die ich liebe und mit deren Bedienung ich wirklich verschmelze, die mich emotional packt und mich zum überlegten Fotografieren zwingt: Das könnte meine Fotografie verändern und ich merke, dass meine ersten Gehversuche mit der X100T schon dazu führen. Leicht, charmant und immer dabei, konzentriert auf ISO, Blende und Zeit, im Falle der X100 sogar noch auf eine einzige Brennweite, das ist die Fotografie, nach der ich mich schon lange sehne.

Wenn ich abends gegen 22 Uhr nach 10 Stunden auf einer Hochzeit erneut die 5DIII zur Hand nehme, ergreift mich zunehmend mehr der Frust über das Gewicht. Muss das wirklich alles sein? Irgendwie ist die Liebe zur Fotografie unter den Massen von Magnesium und Silizium verschüttet worden. Diese wiederzuentdecken, ist meine größte Hoffnung. Das Gewicht spielte bei meinen Wechselplänen eine entscheidende Rolle und ist neben dem etwas nebulösen und vielleicht unsachlichen emotionalen Argumenten das entscheidende Kriterium. Es ist zum einen der Umfang des Gesamtequipments, der mich nervt, aber eben vor allem das Gewicht der Kombi aus Kamera, Linse und ggf. Blitz. Ich bin keine 20 mehr, sitze ohnehin viel am Schreibtisch und bin einfach bei allem Bemühen keine Sportskanone. Auf einer Hochzeit 14 Stunden lang 3-4 Kilo zu stemmen und das gleiche nochmal am Gurt hängen zu haben, empfinde ich inzwischen als Belastung. Irgendwann überlegt man sich, ob man für ein Foto nochmal die Kamera hebt, ob man wirklich nochmal am ausgestreckten Arm von oben oder einhändig fotografiert oder sich mangels Klappdisplay auf den Boden legt und sich den Hals verdreht. Und damit ist das Gewicht nicht nur lästig, es schränkt dann auch wirklich die Kreativität ein. Jahrelang habe ich das akzeptiert, weil es keine Alternativen gab. Die gibt es nun.

Die Bildqualität wird sicher keinen Quantensprung machen, hier erwarte ich inzwischen von fast allen Kamerasystemen das Gleiche. Und ich bin mir sicher, dass meine Kunden in den Bildern keinen Unterschied sehen zwischen Crop und Vollformat, zwischen Fuji und Canon, zwischen DSLR und Spiegelloser. Ich halte die ganze Pixelpeeperei für völligen Unsinn, meine Kunden haben von Kameratechnik keine Ahnung, sie sehen nicht, ob die Tiefenschärfe 1,5 oder 2,5cm beträgt.

Ich erwarte Einbußen beim Autofokus, dies wird sicher der kritischste Punkt werden, die Fuji’s dürfen mich auf der Tanzfläche nicht im Stich lassen. Und obwohl ich damit kaum arbeite, benötige ich natürlich für meine Hochzeiten einen TTL-fähigen Blitz und zuverlässige Funkauslöser. Auch hier werde ich genau hinschauen müssen.

 

Meine Strategie

Ich werde Anfang 2017 beim Händler meines Vertrauens eine X-T2 erwerben mit einer einzigen möglichst guten Linse, vermutlich dem 23mm 1.4 oder dem 56 1.2. Hiermit werde ich die ersten Tests machen, Shootings und auch kleinere Jobs, um zu sehen, wie Fuji und ich klarkommen. Sollte das Ergebnis positiv sein, werde ich relativ rasch und konsequent alle Canon-Brücken hinter mir abbrechen. Ein Doppelsystem kommt für mich nicht in Frage. Danach werde ich mein Objektiv-Line-up so aufbauen, wie ich es bei Canon auch genutzt habe, also am Ende die Festbrennweiten 23mm, 35mm, 56mm und eventuell 90mm. Dazu ein UWW-Zoom und ein langes Zoom (50-140mm 2.8) und zwei oder drei Blitze. Später wird als Back Up eine zweite X-T2 oder eine X-Pro2 dazukommen.

Wenn Ihr mögt, nehme ich Euch mit auf diesen Weg und werde Euch dann schrittweise von meinen Erfahrungen berichten. Gleichzeitig freue ich mich auf Euren Input in den Kommentaren oder das Teilen.

Der zweite Teil ist online…

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


6 Comments:

  1. Helmut Kruse
    Dezember 28, 2016

    Hi Matthias,

    ich erwäge ebenfalls aus ähnlichen Gründen einen Wechsel. Bin jedoch in der Naturfotografie unterwegs. Hast Du auch schon mal die OMD E-M1 II in Betracht gezogen?

    Schöne Grüße,

    Helmut

    • Matthias
      Dezember 28, 2016

      Hallo Helmut,

      danke für Deinen Kommentar, mit der Vorgängerin hatte ich mal eine längere Affäre, über die ich hier, und hier Rechenschaft ablegte, doch letztlich die Scheidung einreichte, was ich hier begründete. Für Reisen und Landschaft halte ich die Oly aber in der Tat für eine großartige Kamera!

  2. Glockner Photography
    Dezember 28, 2016

    Toller Beitrag, Danke dafür 😉
    Auch ich hab mir zur meiner Canon 5D MKIII vor ein paar Wochen eine Fuji X-T2 dazu gekauft (mit Optiken).
    Habe dafür mein komplettes MFT System (Panasonic GX8 Olympus Om-D Em-1) verkauft.
    Die Canon Vollformat nutze ich derzeit nur noch für Portraitshootings wo maximale Freistellung erwünscht ist.
    Wer weis, vielleicht muss die Canon bald gehen (morgen werde ich die Fuji X-T2 das erste mal zu einem Fotoshooting mitnehmen).
    Jede Kamera hat vor und Nachteile. Allerdings störte mich auch das Gewicht sehr.
    Das ist mir erst aufgefallen als ich mal tagelang mit meiner MFT Kamera und 3 lichtstarken Optiken bei gerade mal 1.3KG unterwegs war, und ich danach die 5D mit Sigma 50 Art in den Händen hielt und mich fragte „halte ich hier einen Backstein in der Hand“ (mir erschien die 5D als recht schwer). Das leichtere Gewicht hat übrigens auch den Spass an der Fotografie wieder zurück gebracht.
    Zur X-T2: Ich habe mir gleich den Handgriff (nicht Batteriegriff) für die X-T2 dazu gekauft, da sie dadurch viel griffiger in der Hand liegt als ohne 😉

    Gruß Alex

  3. Stefan
    Dezember 28, 2016

    Super Zusammenfassung.
    Es gibt nicht wirklich viel hinzuzufügen.
    Ich hatte mehr als 20 Jahre Canon. Für kurze Zeit sogar noch die 5D IV mit guten „L“ II Optiken :). Mittlerweile alles verkauft und nur noch mit der X-T2 unterwegs.
    Natürlich dauert es eine Zeit, bis man sich an ein neues System gewöhnt hat.
    Aber die Blendensteuerung am Objektiv usw. macht richtig Spaß und ich möchte dies nicht mehr vermissen.
    Die Bildqualität von Fuji ist Top. Bei meiner lezten Hochzeit mit einer X-Pro2 war der Kunden (sehr guter Freund) begeistert.
    Autofokus ist sehr gut. Hier ist die Canon noch leicht im Vorteil. Mit dem Nissin i40 Blitz kannst du Fotos sehr natürlich abliefern.

  4. Michael
    Dezember 31, 2016

    Hallo Matthias,
    sehr interessanter Blog und super geschrieben, vielen Dank dafür.
    Stehe aktuell vor einer ähnlichen Entscheidung, allerdings komme ich aus dem Nikon FX-Lager und habe jetzt mehrfach Deine „Scheidung“ von der Olympus gelesen 🙂
    Allerdings stehe ich irgendwie immer noch ein wenig auf den Schlauch, warum nicht auch die neue OMD-E1 Mark 2 eine Option gewesen wäre.
    Mein Einsatzgebiet liegt allerdings auch mehr auf Reise, Landschaft und Sport, aber benötige eine hohe Qualität für Multivisions-Shows etc., daher werde ich wahrscheinlich zunächst auch zweigleisig fahren. Bisher hatte ich zumindest die Fuji und Olympus in der Hand und vom Handling (Griff, Tasten) zog es mich doch mehr in Richtung Mark2. Bald folgt ein 3 Tage Test mit der Mark2.
    Wie auch immer, ich bin sehr gespannt auf Deine weiteren Erfahrungen. Beste Grüße, Michael

    • Matthias
      Dezember 31, 2016

      Hallo Michael,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Bei Deinen Einsatzgebieten wäre für mich auch die Olympus eine gute Wahl, es ist eine super Kamera, erst recht in der neuen Version. Für mich sprechen die Sensorgröße, das 2:3-Seitenverhältnis, die Bedienung, der Preis und die Auflösung zur Zeit für die Fuji. Aber wenn wir alle ehrlich zueinandner sind: Es gibt -zumindest in dieser Preisregion- keine wirklich schlechten KAmeras mehr. Was ja zum Jahresende auch eine gute Nachricht ist. Einen guten Rutsch und viel Spaß beim Fotografieren, mit was auch immer!

      Liebe Grüße
      Matthias


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