Darf man eine Kamera lieben? Von Canon zu Fuji… (Teil 2)

Ich gehe fremd. Und ich entschuldige mich noch nicht einmal dafür. Die andere sieht einfach geiler aus. Für dieses scharfe Gerät lasse ich meine Alte echt stehen. Und sie macht vor allem einen klasse Job bei mir. Herz, was willst Du mehr?

Ich hatte mich schon lange in sie verknallt, schlug mich dann aber noch mit irgendwelchen unbefriedigenden Affären herum, bevor wir uns dann im Netz im letzten Jahr immer näher kamen. Je mehr ich sie und ihre Schwestern kennenlernte, um so mehr ging mir meine Alte auf den Nerv. Sie war in die Jahre gekommen, hatte wirklich Fett angesetzt und klapperte. Ich hatte zwar eine zweite, die hatte aber die gleichen Schwächen.

Letztes Jahr nahm ich mir testweise ihre kleine Schwester zur Freundin und irgendwie machte das Leben auf einmal wieder Spaß, so dass der Wunsch, sie selbst möge einziehen, immer größer wurde. Anfang Januar war es so weit und sie stand mit ihrem schicken schwarzen Umzugskarton vor meiner Tür. X-Day!

Ok, Freunde, bevor Ihr alle vor Erregung alle nicht mehr weiterlesen könnt: Die Fujifilm X-T2 ist da!

Krakau Altstadt, ISO 3200, OOC

Krakau Altstadt, ISO 3200, OOC

Hinter der etwas schlüpfrig formulierten Einleitung verbirgt sich allerdings ein etwas ernsterer Gedanke: Sollte oder darf man seine Kamera lieben? Das Netz ist bezüglich der Spiegellosen und hier besonders bezüglich der verschiedenen Fujis voll von Liebeserklärungen gestandener Fotografen. Das klingt für denjenigen, der seine Kamera primär als Arbeitstier betrachtet, manchmal etwas befremdlich und auch ich bin immer skeptisch, wenn die Euphorie zu große Wellen schlägt und alle in das gleiche Horn tuten. Und hier hieß es überall „Fotografie macht wieder Spaß“, „Ich liebe sie über alles“ etc. etc.

Ich habe seit Jahren mit einer Canon 5DIII und einer 6D fotografiert. Ich achte und respektiere diese Geräte, sie machen einen tollen Job. Geliebt habe ich sie nie. Natürlich freut man sich auf eine neue Kamera, wenn man sie aus ihrem fabrikneuen Karton pellt, sie entdeckt, die Bildqualität, Verarbeitung und Features sieht. Das ging mir auch bei Canon so. Aber ehrlicherweise war es eher Besitzerstolz, für den man Gewicht und Größe in Kauf nahm. Es war nie Liebe. Wir hatten mehr eine Arbeitsbeziehung. Wir waren auch ein gutes Team, haben manche Schlacht geschlagen, und ich kann ihr auch keine Vorwürfe machen. Sie ist nicht schlechter geworden, aber ich vielleicht ein wenig schwächer und die Konkurrenz etwas besser. Irgendwann habe ich sie zu später Stunde mal wieder auf einer Hochzeit im Arm gehabt und habe die Beziehungsfrage gestellt. Sie war recht schweigsam, aber ich habe eine klare Antwort gefunden: Wenn es jemanden gibt, der ihren Job ebenso gut machen kann und dabei kleiner und vor allem leichter ist, reiche ich die Scheidung ein. Und noch schlimmer: Sie muss die Probezeit der Neuen mit ansehen: Einige Zeit würde ich zweigleisig fahren. Es zeichnet sich ab, dass diese Zeit der Zweigleisigkeit kurz sein wird.

Ich hatte im ersten Teil meine Beweggründe zum Systemwechsel aufgeblättert, nun war der Tag der Wahrheit: Sie war da. Gekauft hatte ich sie natürlich im Einzelhandel, zusammen mit dem 35mm 2.0, das mir die beste Wahl zu sein schien, um zu testen, ob die X-T2 und ich Freunde werden können. Universal einsetzbar, relativ lichtstark, klein, leicht schnell. Mit ihm sollte die Fuji ihre Vorteile locker ausspielen können.

Anfang des Jahres hatte ich noch kein Gelegenheit zum Fotografieren und ich hatte mir geschworen, die ersten Bilder am Rechner würden keine Fotos vom Wohnzimmertisch oder Bücherregal sein, wie sonst bei neuen Kameras. Nun hatte ich die ersten Reisen und Shootings, so dass ich Euch auch etwas aussagekräftiges Bildmaterial zeigen kann.

Unser erster gemeinsamer Trip führte uns nach Krakau, das erste „echte“ Shooting durfte ich mit der wunderbaren Rhiana und ihrem Kugelbauch machen.

Krakau Altstadt, ISO 3200, OOC

Krakau Altstadt, ISO 3200, OOC

Um es kurz zu machen: Ich liebe sie! (also die X-T2!)

Die Bildqualität ist überragend, die Dynamik um Längen besser als bei meiner Canon, der Autofokus sitzt, die Schärfe ist überragend. Technisch ist weder an dieser Kamera noch an fast allen anderen auf dem Markt befindlichen irgendetwas auszusetzen. Ich denke, die Frage der Bildqualität ist endgültig beantwortet, Fragen der Ergonomie werden immer wichtiger. Und hier beginnt meine heiße Liebe zur Fuji. Stellt Euch vor, Euer Display geht während eines Shootings kaputt. Und Ihr zuckt nur die Schultern. Alle wichtigen Parameter haben an der Fuji einen eigenen Knopf, Ring oder Rad. Wie von selbst fotografiert Ihr manuell, weil es völlig easy ist und Ihr im Sucher genau seht, was passiert. Der elektronische Sucher ist der erste, den ich als Ersatz für einen optischen akzeptiere. Während der EVF der X100T nach wie vor eine ziemliche Zumutung ist (vor allem hinsichtlich Dynamik), erweckt der EVF der X-T2 tatsächlich die annehmbare Illusion eines optischen Suchers.

Für mich hat die X-T2 ganz vieles, was meine Canons auch haben: Exellente Bildqualität, großartige Verarbeitung, unzählbare Einstellmöglichkeiten, tolle Optiken, doppelten Kartenschacht.

Sie hat aber einiges mehr: Klappdisplay, weniger Gewicht, geringere Abmessungen, Gesichtserkennung, höhere Auflösung, geringeres Rauschen, tatsächlich nutzbare Filmsiumlationen, herausragende JPEG, deutlich geringerer Preis für Bodys und Linsen.

Sie hat auch kleine Macken: Fummelige Schalter für Serienbild und Belichtungsmessung, keine Möglichkeit für Copyright-Infos in der Kamera, Zeiteinstellung nicht im 24h-Format. Alles Kleinigkeiten, die im Alltag wenig stören oder gut anders zu lösen sind.

Und dann ist da ja noch die Liebe: Ja, ich bekenne, ich liebe diese Kamera. Weil sie schön ist, weil sie im Design das vermittelt, was mir auch in meiner Fotografie wichtig ist: Zeitlose Schönheit ohne unnötigen Schnickschnack. Und weil sie in der Bedienung das Naheliegende wiederbelebt hat: Blende am Objektiv, Zeit und ISO mit Rädchen am Body. Ein paar zusätzliche Knöpfe für Belichtungsmessung, Autofokus und Serienbild. Fertig. Mehr braucht kein Mensch. Ein Shooting ohne Menü. Ein Traum. Bild zu dunkel? Zwei Rasten weitergedreht, ohne die Kamera vom Auge abzunehmen. Fertig. Reden mit dem Model, obwohl man die Kamera am Auge hat? Klar. Sie ist ja kein Ziegelstein. Die Fuji muss man nicht kaufen wegen irgendwelcher Features oder technischer Größen, die im Netz ja alle hinlänglich Beschrieben und diskutiert wurden. „Specs“ nennt man das glaube ich unter coolen Nerds. Die Fuji kauft man wegen der Ergonomie.

Nach einiger Zeit fragt man sich: „Warum erst jetzt (wieder)?“ Das Bedienkonzept auf Großvaters Zeiten ist so intuitiv logisch, dass es keiner Erklärung bedarf. Es ist einfach gut und zeigt, dass vieles von dem, was danach kam einfach Veränderung aus Marketingüberlegungen war. Wozu muss ich Rädchen bezüglich Funktion und Drehrichtung in 7 Ebenen konfigurieren können, wenn mit drei eindeutigen Rädchen am Body alles erledigt ist?

Die X-T2 entspannt mich, sie unterstützt meine Fotografie, sie ist für mich das genau passende Gerät. Sie ist für mich ein echter Game-Changer. Ja, man darf seine Kamera lieben. Das weiß ich seit zwei Wochen.

Meine Vorüberlegungen finden sich hier…

Der Teil mit meinen ersten Eindrücken nach ein paar Wochen findet sich hier…

Der Teil zur X-T2 in der Hochzeitsfotografie findet sich hier….

 

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


5 Comments:

  1. Gerd
    Januar 20, 2017

    Besser könnte man diese Liebesgeschichte nicht erzählen.
    Gottlob hat die Dame viele Geschwister 🙂

    Liebe Grüße
    Gerd

    • Stephan
      Januar 30, 2017

      Stimmt. schöne Geschwister hat sie sogar – eine davon hab ich mir geschnappt und euch auch noch etwas übrig gelassen 🙂

  2. Volker Schäfer
    Januar 20, 2017

    Sehr gut aus der Sicht eines Profis geschrieben, klasse Stil !

  3. Photo-Schomburg
    Januar 21, 2017

    Hallo Matthias,
    erstmal danke für deinen tollen Blogpost, der mir ein wenig aus der Seele spricht. Denn auch ich bin vor kurzem aus dem Canonlager zu Fuji gewechselt. Genau aus diesen Gründen, die du beschreibst. Zwar bin ich noch nicht so lange in der Fotografie beschäftigt wie du, aber auch ich bin schon ein wenig ins Alter gekommen. 🙂
    Ich bin ganz durch Zufall auf das tolle X-System gestossen, denn ein guter Freund und Kollege hatte sich auch der XT2 verschrieben.
    Nach einem Wochenendtest, war mir klar, das ich sie haben muß.
    Ich sage mal “ Liebe auf dem ersten Blick“.
    Lg Sven

  4. Hef
    Februar 06, 2017

    Sehr schön geschrieben.
    Ich liebe meine Fuji auch sehr bin aber bisher inkonsequent und nutze auch noch meine Nikons für Konzerte und Veranstaltungen.
    LG
    Hef


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