Die X-T2 in der Hochzeitsfotografie: Ein halbes Jahr danach (Teil 4)

Ja, ich habe mir etwas Zeit gelassen für eine abschließenden Einschätzung der Fuji X-T2. Nachdem ich anfangs meine Gründe für und Erwartungen an den Umstieg formulierte, folgte nach dem Einzug der Fuji X-T2 eine erste vorsichtige Liebeserklärung und ein kleiner Objektivtest. Danach verordnete ich mir erstmal publizistische Ruhe, um die Kamera in meinen fotografischen Alltag zu integrieren und die ersten Jobs damit zu machen. Inzwischen habe ich viele freie Sachen gemacht, meine Probeshootings damit fotografiert und auch die ersten drei Hochzeiten liegen hinter mir. Eine zweite X-T2 ist dazugekommen, an Objektiven habe ich das 16mm 1.4, das 56mm 1.2 sowie die 23mm und 35mm in der wetterfesten f:2.0-Version. Als Blitze habe ich den Nissin i60 und di700a samt Air Commander, den ich allerdings noch nie nutzte. Damit ist meine Equipment vollständig, ich verspüre keinerlei Drang, mir noch mehr zu kaufen, was schon mal positiv ist.

Ich habe schon an manchen Stellen deutlich gemacht, dass für mich die Frage beim Umstieg nicht ist: „Ersetzt die X-T2 meine Canon 5DIII?“. Derartig (preis-)unterschiedlich Kameras können sich nicht ersetzen, sonst hätte ich auch bei meiner Canon bleiben können. Die richtige Frage muss lauten: „Sind die Kompromisse der Fuji X-T2 für mich die besseren Kompromisse als die der 5DIII?“ Oder anders gefragt: „Welche der beiden Kameras deckt meine individuellen Bedürfnisse besser ab?“ D.h. Ich hatte nie die Erwartung, dass die Fuji meine Canon in allen Belangen erreicht oder sogar überflügelt. Manche User haben offenbar die Erwartung, dass eine Kamera, die halb so viel kostet, halb so viel wiegt und ein völlig anderes Konstruktionsprinzip hat, das gleiche leistet wie eine Nikon D750 oder Canon 5DIII.

Mein Fazit: Die Fuji X-T2 ist für mich trotz Macken vielleicht die „bessere“, auf jeden Fall aber die richtige und passende Kamera. Die Kompromisse, die ich mit ihre eingehe sind die „besseren“ Kompromisse als bei meiner 5DIII und sie bietet mir dafür Dinge, die für mich echte „game changer“ sind.

Die Kompromisse:

Die Akkulaufzeit ist deutlich kürzer als bei meinen DSLR’s, aber nicht so schlecht, wie immer behauptet. Ich habe insgesamt 10 Akkus (6 in den Kameras, 4 Ersatzakkus) und komme damit locker durch den Tag. Das Netzteil für die Batteriegriffe ist klein und leicht und abends lege ich manchmal eine Kamera an den Strom, während ich mit der anderen arbeite.

Der Autofokus ist bei Licht subjektiv nicht langsamer als bei der DSLR, er hängt auch stark von den verwendeten Linsen ab. Für mich keine Einschränkung. Alleine abends auf der Tanzfläche zeigt sich der Unterschied. Die Ausschussrate ist höher, als bei meiner 6D oder 5DIII, das ist so. Kann man nicht wegdiskutieren. Man kann aber damit leben, wenn man drei gute Bilder vom Eröffnungstanz hat, hat man den Abend über genug Zeit, seine Ausbeute zu sammeln.

Für mich als „Blitzmuffel“ ist das Vorhandensein eines bezahlbaren TTL-Blitzes in Form des Nissin i60 (der auch noch kleiner und schicker ist, als die großen Canons oder Yongnuos) völlig ausreichend. Ich brauche keine großen Blitzsetups, kein HSS oder sonstigen Kram. Dennoch ist das Fuji-Blitzsystem nicht sehr ausgereift, es gibt nur einen wirklich leistungsfähigen Blitz, der aber auch seine Schwächen haben soll. Blitztechnisch muss sich der Fuji-Markt wohl noch entwickeln. Ich muss mich allerdings auch noch entwickeln, welche Methode auf der Tanzfläche die besten Ergebnisse bringt.

Die Fujinon-Objektive auf der Kompromiss-Seite? Der spinnt doch! Weshalb ich hier bei den Einschränkungen auf die Linsen von Fuji zu sprechen komme: Es gibt nur sie. Es sind tolle Linsen, aber das Angebot ist eben beschränkt, was ich gar nicht unbedingt auf die Linsen beziehe, sondern auf die Hersteller. Klar, ich bekomme von 12-500mm wohl alles, was man so braucht, lichtstark, von überragender Qualität. Aber eben nur von Fuji. Ich könnte mir vorstellen, wenn Sigma seine ART-Linie auf mft- oder APC-Kameras ausweiten würde, käme nochmal richtig Leben in die Bude. Was mich etwas stört, ist die Tatsache, dass ich wählen muss, zwischen Linsen mit schnellem Autofokus oder großer Offenblende. Ich hätte gerne beides und würde dafür auch entsprechend bezahlen. Aber zu einem Kompromiss gezwungen zu werden, ist blöd. Mein Kompromiss sieht so aus, dass ich bei 16mm und 56mm auf hohe Lichtstärke setzte, und bei 23mm und 35mm auf die 2.0 Versionen setze, weil ich auch Linsen mit schnellem AF benötige. Mal sehen, ob sich hier noch etwas ändert.

Was nervt, sind die Kleinteile: Die Abdeckung der Blitz-Synchronbuchse verabschiedet sich beim zweiten Shooting, die Blitzschuhabdeckung kurz danach, die erste Augenmuschel ist bereits gebrochen, das ist alles noch nicht für den harten Einsatz gemacht und alles zu locker und filigran, aber letztlich nicht kriegsentscheidend, die Ersatzteile kosten ein paar Euro.

Die „Game-Changer“

Das ersten und wichtigste Highlight ist und bleiben Größe und Gewicht. Nach meiner ersten längeren Hochzeit kam ich zwar nicht erfrischt nach Hause, aber doch in einem deutlich weniger abgekämpften Zustand als sonst. Nach dem Kauf der X-T2 hatte ich noch ein paar Mal meine 5DIII in der Hand, bevor sie ein neues Zuhause fand, und hatte nach wenigen Tagen bereits das Gefühl, mit ihr ein völlig antiquiertes, lautes und schweres Ungeheuer in der Hand zu haben. Es war, als hätte man ein Iphone und würde nochmal sein altes C-Netz-Autotelefon in die Hand nehmen. Ich gehe soweit zu sagen, dass die Spiegeltechnik mittelfristig Ihre noch bestehenden Vorteile einbüßen wird und es für die großen Nikons und Canons eigentlich keinen sinnvollen Markt geben wird. Wenn die ersten Sportfotografen umschwenken, dürfte das das Ende der DSLR sein.

Für mich hat sich der elektronische Sucher als echter Game-Changer erwiesen. Zu sehen, was man fotografiert, klingt banal, ist aber ein echter Paradigmenwechsel für meine Fotografie. Ich fotografiere zu 99% im Modus AV, überlasse der Fuji ISO und Zeit und arbeite nur mit der Blende und der Belichtungskorrektur, die ich auf C stehen haben und daher mit dem vorderen Drehrad in +/-5 Stufen bedienen kann. Mehr benötige ich nicht, das Ergebnis sehe ich sehr realistisch im Sucher. Ich bin inzwischen froh, dass ich mich nicht für die wunderschöne X-Pro2 entschieden habe, sondern für die X-T2. Der optische Sucher ist nett, aber ich nutze ihn nicht oder nur an meiner X100T.

Die Bildqualität ist im Prinzip bei allen modernen Kameras herausragend. Für mich ist die ISO-Performance und die Dynamik der X-T2 jedoch nochmal einen Schritt weiter, als bei Canon. Was mich wirklich flasht, ist die Schärfe, für deren Darstellung mein Lightroom immer einen Moment zu lange benötigt. Was ich dann aber am Monitor sehe, haut mich jedes Mal um. Auch die Farben gefallen mir persönlich besser, als bei Canon, aber das ist Geschmackssache. Ansonsten braucht man über den Sensor nichts zu sagen. Ich glaube, große Teile dieser Diskussionen interessieren nur Fotografen, nicht jedoch unsere Kunden, die diese Unterschiede nicht sehen.

Der größte „Game-Changer“ ist nicht eine bestimmtes Feature, sondern das Gesamtpaket: Die X-T2 hat meine Fotografie verändert, denn sie macht mich von einem „Kopffotografen“, der Helligkeitswerte im Bild analysiert und Belichtungskorrekturen schätzt, zu einem „Augenfotografen“, der im Sucher „kreativ“ wird. Ich probiere mehr aus und erweitere meine Handlungsoptionen dadurch. Das geringe Gewicht und der drehbare Monitor machen mich experimentierfreudiger, die geringe Größe des Bodys macht mich kommunikativer, das Retro-Gehäuse bringt mich ins Gespräch mit Gästen und Kunden. Und das Bedienkonzept macht mich vielseitiger. Ich fotografiere mit deutlich mehr Blenden, weil ein Dreh am Rad intuitiv alles verändert. Früher bewegte ich mich doch irgendwie bei Offenblende und ein paar Blenden drunter, mit der Fuji reize ich größere Bereiche aus. Die Belichtungswaage im Sucher ignoriere ich immer häufiger, „richtig“ ist, was meine Auge als „richtig“ einordnet und nicht ein theoretischer Wert von „-1 1/3 EV“.

Kritiker der Fuji oder DSLR-Anhänger werden zu recht einwenden, ein guter Fotograf würde dieses ganze kreative Potenzial auch mit einer DSLR abrufen können, man müsse sich eben mit seiner Kamera im Schlaf auskennen. Das ist im Kern richtig, aber ich möchte die Kamera nicht „beherrschen“, sondern sie und ich sollen zu einer intuitiven kreativen Einheit verschmelzen. Dieses Gefühl habe ich erstmals, seit ich fotografiere. Meine Canons habe ich beherrscht, ihre Widerstände überwunden, die Fuji und ich waren vom ersten Job an ein Team. Alleine, ohne das Öffnen der Motorhaube (sprich das Aufrufen des Menüs) mit ihr ans Ziel zu kommen, ist erfrischend.

Zum Schluss: Freeze, Lock up, lila Raster

Im Netz geistert allerlei an Geschichten über die Fuji herum: Sie würde einfrieren und sei nicht wieder zum Leben zu erwecken, bei Gegenlicht würde sie das Sensormuster auf die Speicherkarte brennen und heftige lila Flecken erzeugen. Theorien über Speicherkarten oder Fremd-Akkus als Auslöser dieser Macken machen die Runde. Ich kann dazu nur sagen: Ich habe zwei X-T2 und habe Original-Akkus und Fremdakkus sowie Speicherkarten verschiedener Geschwindigkeit und Marken im Einsatz und habe inzwischen um die 15.000 Aufnahmen gemacht. Keine meiner Kameras hat je die erwähnten Macken gezeigt.

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


5 Comments:

  1. Daniel Szameikat
    Mai 29, 2017

    Ein schöner Bericht. Du sprichst mir dabei aus der Seele. Mein Weg nach gefühlten Jahrzentelangen Canon Bindungen führte mich über Sony, Nikon und dann endlich zu der Kamera, mit der eich schon so viele Jahre geliebäugelt hatte. Und obgleich bereits die Sonys mit ihren elektronischen Suchern eine Bereicherung für meine tägliche Arbeit waren, hat die Fuji noch mal einen drauf gesetzt. Endlich angekommen ist wohl die richtige Beschreibung für meinen Zustand bei der Arbeit mit meinen Fujis. Die Xt2 ist für mich nicht ultimativ – aber lässt für mich ganz persönlich alle anderen Systeme, die ich bisher genutzt habe weit hinter sich. Ich bin bei all deinen Kernaussagen total bei Dir!
    LG,
    Daniel Szameikat

  2. Cornelia
    Mai 29, 2017

    Lieber Matthias,
    vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Klingt gut. Überlege selbst, umzusteigen. Fotografiere mit der D5 Mark II und habe erstklassige Objektive, die ich liebe. Aber das Gewicht macht mir zu schaffen. Bin Pressefotografin und schleppe den ganzen Tag diesen wahnsinnig schweren Rucksack mit mir rum. Was für mich unter Anderem sehr wichtig bei einer Kamera ist, ist das Rauschverhalten. Wie sieht es damit aus? Was meinst Du?
    Vielen Dank und liebe Grüße,
    Cornelia

    • Matthias
      Mai 29, 2017

      Das Rauschverhalten ist in meinen Augen excellent, vor allem ist das Rauschen sehr dezent und gerade in s/w kaum von einem schönen Korn zu unterscheiden. Ich fotografiere bis ISO 10.000 und bin mit den Ergebnissen absolut zufrieden…

  3. Dirk Goldbach
    Mai 29, 2017

    Objektiv und ‚fair‘ analysiert. Fair gegenüber Deinem neuen System, fair aber auch gegenüber den DSLRs.
    Das Arbeiten ist dank den ‚Kleinen‘ wirklich deutlich angenehmer geworden und auch viel intuitiver, als mit den großen Geräten, auf die ich viele Jahre geschworen habe. Auch teile ich Deine Einschätzung, dass der Spiegel in absehbarer Zeit nur noch eine untergeordnete Rolle spielen wird; für Amateure und für Profis.

    In einem Punkt widerspreche ich Dir, beziehungsweise Du hast es nicht deutlich genug gesagt: es gibt sehr wohl eine riesige Auswahl an Fremdobjektiven für die Fujis. Im Netz kann man sehr gute Bilder zuhauf bewundern, die mit Nicht-Fuji-Objektiven geschossen wurden. Nur bringen die allesamt den Nachteil mit sich, dass sie nicht mit der Kamera ‚kommunizieren‘, also weder den Autofocus unterstützen, noch sonstige Informationen (z.B. die aktuell gewählte Blende) an die Kamera durch reichen.
    Das ist für uns Hochzeitsfotografen ein erheblicher Nachteil, den man nur in bestimmten Ausnahmesituationen gern in Kauf nimmt. Zum Beispiel abends mit dem extremen Weitwinkel auf der Tanzfläche…

    Ansonsten – wie schon angedeutet – ein sehr sachlicher und sicher für viele (Hochzeits-)Fotografen gleichzeitig beruhigender Artikel, der die der Kamera nachgesagten ‚Macken‘ relativiert und einer sachlichen Diskussion zuführt.

    Freue mich auf weitere Diskussionen mit Dir

    Grüße
    Dirk

  4. Andreas Riedelmeier
    Mai 29, 2017

    Danke für dein „Review“ über die XT-2. Ich bin seit Anfang der Saison auch mit zwei XT-2s am Start – hätte bis gestern auch all deine Worte unterschrieben!
    Bei den Gruppenbildern mit Familie und Freunden (Kamera stand auf CL) tat sich plötzlich gar nichts mehr – das letzte Bild war auf dem Display zu sehen. Erst nachdem ich den Akku einmal raus und wieder in den Schacht geschoben hatte ging es weiter. Ich habe mittlerweile mit beiden Kameras insgesamt ca. 30.000 Aufnahmen gemacht. Den Fehler konnte ich bislang nicht reproduzieren. Werde jetzt die betroffene Kamera einschicken.
    Ansonsten bin ich bis auf ein paar Dinge (z. B. Blitzunterstützung) super angetan von den Kleinen!
    Viele Grüße
    Andy


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