Mein 2014: Ein Rückblick

Jahresrückblick 2014

Verschwitzt, aber glücklich…

Zugegeben, Jahresrückblicke sind eigentlich fürchterlich: Irgendwo zwischen Selbstbeweihräucherung und Selbstmitleid lassen wir das Jahr Revue passieren und ehren Heldentaten und bejammern das Weltschicksal. Deswegen ist das hier auch gar kein Rückblick, sondern eine Ansammlung von Gedanken, die ich vor Beginn des neuen Jahres mal in einen Blogpost bündele. Vielleicht findet ja der ein oder andere sich in diesen Gedanken wieder?

Ich schreibe meinen Jahresrückblick vor allem, um in mir selbst zu sortieren, was fotografisch mit mir passiert ist in diesem Jahr 2014 und wo ich 2015 hin möchte, wer mir wichtige Impulse gegen hat und welche vermeintlichen Gewissheiten sich in Luft aufgelöst haben. Die eigentliche fotografische Entwicklung findet im Kopf statt, und das verliert man zwischen Aufträgen, Equipment, Technik und Lightroom schnell aus den Augen. Immer wieder habe ich mich in diesem Jahr auch mit Fotografen* ausgetauscht und bin darauf gestoßen, dass meine Gedanken auch Andere bewegen und umtreiben. Daher die Vermessenheit eines Jahresrückblickes, in dem vielleicht auch Ihr einen interessanten Brocken findet. Als kleiner Mehrwert ist es auch eine ganz persönliche kommentierte Linksammlung zu den Menschen, die an diesem Jahr beteiligt waren. Auf geht’s!

*(Damit sind auch immer Fotografinnen gemeint, aber die Genderdebatte habe ich spurlos an mir vorbeiziehen lassen, es war besser für uns beide…)

Erkenntnis des Jahres: Weniger ist mehr

Eine Erkenntnis, die sich auf alle Aspekte meines Fotografendaseins erstreckt. Zuviel Technik, zu viele Fotos, zu viel Computer, zu viele Befürchtungen, zu viele Regeln.

Weniger ist mehr…

Weniger Technik: Anfang des Jahres traf ich mich mit der wunderbar verpeilten Anne in der HafenCity. Wir machten auch ein paar sehr verfrorene Fotos, quatschten aber erst einmal ausführlich über Fotografie. Ich hatte mir gerade eine 5DIII samt 70-200 2.8 gegönnt und auch sonst einen Haufen Gerümpel Equipment zu Hause. Anne kam mit ihrer 60D und einer 50mm Festbrennweite in ihrer kleinen Retro-Tasche. Bämm! Und recht hatte sie. Ich bin inzwischen aus der Phase raus, wo immer alles mehr werden muss und jede neue Technik auch bei mir Einzug halten muss. Dieser Heilungsprozess wird bei einem Blick auf das Konto und die Bandscheiben deutlich beschleunigt. Was hindert uns, mit einer (!) Festbrennweite unserem Geschäft oder unserer Leidenschaft nachzugehen? Ja, es gibt Bilder, die wären mit 24mm oder 200mm auch zu machen oder sogar noch ein wenig besser. Aber wenn wir die Bilder, die möglich wären, nicht machen, weil wir gerade darüber nachdenken, das 70-200 draufzuschrauben, dann machen wir etwas falsch. Was wirklich an diesem Downsizing neu ist, ist das Gefühl, einmal nicht alles dabei zu haben. Kein beruhigendes „ich könnte ja schnell…“ oder „ich habe ja noch…“ Einfach nur das, was man in der Hand hat, nutzen und nicht über nicht vorhandene Alternativen nachdenken. Ich habe das bei meinem ersten Shooting mit der Olympus OM-D E M-1 erlebt: Nur ein 45er 1.8 und die Kamera und mein Model. Sonst nichts. Kein Backup, kein Blitz, kein Zoom, Tele, UWW. So geht es 2015 weiter…

Weniger Fotos: Ich fotografiere zu viel. Klingt komisch, ist aber so. Von meinen Hochzeiten komme ich mit 1500-2000 Fotos nach Hause, manchmal auch mehr. Mein Brautpaar bekommt 400. Also fotografiere ich genau 1600 Fotos für die Tonne. Warum? Aus Angst, etwas zu verpassen? Zur Sicherheit, viel hilft schließlich viel? Fest steht: Von 25 Fotos eines Motivs ist das beste unter den ersten 5, meistens unter den ersten 3. Um von den 25 Fotos einfach nur die beiden guten zu machen, müssen wir mehr hinschauen und weniger Fotografieren. Mein persönliches Ziel für 2015: Viel weniger Fotos „knipsen“, viel mehr hinschauen, korrigieren, Perspektiven testen und dann eben die beiden guten Fotos machen. Fertig, weitergehen. Wem ich diese Erkenntnis verdanke? Meiner Hand, die keine Lust mehr hat, 2500 Fotos pro Hochzeit durchzuklicken und Amanda Berens. Dazu später mehr.

Weniger Regeln: Stellt man ein Foto in die fotocommunity oder bei facebook ein, dauert es nicht lange, bis der Erste den fehlenden Goldenen Schnitt, die ausgebrannten Lichter rechts oben im Himmel oder die abgeschnittene Hand bemängelt. Wir sind so voller Regeln, Gesetze etc., dass wir uns den Weg zu unserer eigenen Kreativität verbauen. Wir sehen durch unseren Sucher nicht mehr das Leben, das Lächeln, die Liebe, sondern Histogramme, Sucherlinien, Wasserwaagen und Fokus-Peaking. Diese Fixierung auf Gestaltungsregeln und technische Hilfsmittel zu ihrer Einhaltung ist auch ein Zeichen mangelnder eigener Kreativität und gestalterischer Sicherheit. Warum kann ich nicht meinen Geschmack, meinen Stil über die Regeln aus dem Lehrbuch stellen? Regeln sind gut, aber sie töten auch Kreativität. Das Ergebnis sind Tausende von immer gleichen, langweiligen Fotos. Ich will 2015 meinen inneren gestalterischen Kompass weiterentwickeln. Apropos Gestaltung:

Entwurf des Jahres:

Die wunderbare Marte Sach hat mir in diesem Jahr mein neues Logo entwickelt und mit mir zusammen dabei über mein Business nachgedacht, bzw. mich zum Nachdenken gezwungen. Wenn man beginnt, anderen zu erklären, was man macht und warum man anders ist, als die vielen anderen Fotografen da draußen, dann kommt man wirklich ins Nachdenken. Herausgekommen ist nun ein Logo mit dem Umriss einer wunderbaren Riva-Yacht, die in den 50er Jahren in Handarbeit aus wunderschönem Mahagoni gefertigt wurden und heute noch auf den oberitalienischen Seen von der Eleganz guten Designs zeugen und alle modernen Plastikbomber alt aussehen lassen. Was für ein fotografisches Statement… Aber nichts verkörpert besser „Die Bilderwerft“.

Zuwachs des Jahres:

Thema des Jahres: Down-Sizing…

Technisch hat sich auch etwas getan: Meine umfangreiche Canon-Vollformat-Ausrüstung hat Zuwachs bekommen aus dem Olympus-Lager. Im Sommer zog eine Olympus OM-D E-M1 ein, der ich auch ein ausführliches Review in zwei Teilen gewidmet habe (Teil 1 hier und Teil 2 hier). Noch ahnen meine beiden Vollformat-Boliden nicht, wer da jetzt neben ihnen im Fotokoffer liegt. Noch lächeln die beiden die Kleine etwas mitleidig und verächtlich an. Sie werden sich noch schwer umschauen: Keine Reisen mehr, keine kurzen Ausflüge, keine entspannten Poträtshootings im leichten Sommerlicht: Immer häufiger müssen 5D und 6D zuhause schmoren, während die Oly mit mir auf Exkursion geht. Klein, leicht, scharf, schnell. Eine neue Freundschaft im Namen der Rückengesundheit. Ob es ein endgültiger Umstieg wird, wird die Zeit zeigen.

 

Entdeckung des Jahres:

Amanda Berens: Zugegeben, ich habe sie gerade erst durch die schon erwähnte Anne entdeckt und erkläre sie gleich zur Entdeckung des Jahres. Aber so sind Männer. Wer dieser zauberhaften Frau lauscht und zusieht, wie sie Martin Krolop ihre Art zu fotografieren erklärt und zeigt, der versteht meine Begeisterung. Amanda trat im richtigen Moment in mein gegen mein Leben, ohne es zu wissen oder zu wollen. Sie fotografiert überwiegend mit einer 50er Festbrennweite und einem Reflektor und kümmert sich vor allem um Model, Licht, Styling, Gestaltung, Hintergrund und Kommunikation mit dem Model. Am Ende stehen zauberhaft helle, freundliche, intime Fotos voller Natürlichkeit. So muss Foto! Ich freue mich auf die 7 Tonnen Videomaterial, die noch auf meiner Festplatte schlummern und mir den Jahreswechsel versüßen werden. Hier der Link zur Live-Show von Krolop-Gerst mit Amanda. Kaufen! Sofort!

Keine Entdeckung, sondern irgendwie schon immer dabei: Paddy von Neunzehn72. Immer wieder schaue ich bei Ihm vorbei, wundere mich kurz über das unfassbar hässliche Logo und freue mich dann, weil er einen so herrlich undogmatischen Blick auf Fotografie hat und das macht, was er für richtig hält. („In meinem Arbeitsfarbraum kommt auch abgesoffenes Schwarz und ausgefressenes Weiß vor“). Meine Entscheidung für die Olympus geht auch ein wenig auf ihn zurück. Einmal im Jahr buche ich einen Workshop bei ihm, in diesem Jahr der Posing-Workshop mit der zauberhaften Louisa Mazzurana. Paddy gehört für mich zu den Fotografen, denen neben dem eigenen Geschäft immer auch das Teilen von Wissen Spaß macht und die daraus nicht den allerletzten Euro quetschen wollen wie andere, die mittlerweile den dreistelligen Bereich weit hinter sich gelassen haben. Bezahlbare Workshops und ganz viel kostenloses und trotzdem wertvolles Wissen findet sich auf seinem Blog. Seine Videos sind so gut und vor allem so günstig, dass ich jeden wegschicken werde, der mich um eine Raubkopie bittet. Außerdem wagt Padyy sich immer auch an Themen heran, die nicht klassisch mit Fotografie zu tun haben: Posing-Workshops oder Make Up-Videos für Fotografen hat nicht jeder im Programm. Und natürlich haben mich immer mal wieder die launigen Plauderrunden mit Martin Krolop unterhalten, die die beiden in ihrem Podcast „Das Paddy und das Maddin“ veranstalten. Interessanterweise fotografiere ich gar nicht wie Paddy und will es auch gar nicht, aber sein Zugang zu Menschen und Fotografie gefällt mir. Und sein Buch „Audrey und Fred“ erst recht. Womit wir beim nächsten Thema wären:

Stiefkind des Jahres: Der Druck

Mein Portfolio 2014

Paddys Buch über ein Fotoshootings mit drei jungen Damen in einem Dessous-Laden (ok, Jungs hier ist der Direktlink zu seinem Shop) ist auch aus dem Gedanken entsprungen, digitalen Bildern mehr Dauerhaftigkeit zu verleihen. Unsere Festplatten sind voll von grandiosen Bildern, die niemand sieht. Lasst sie uns ans Licht holen. Druckt, hängt an Wände, heftet zwischen Buchdeckel und befreit Eure tollen Bilder aus den Katakomben der Festplatten. Erst im Druck werdet Ihr sehen, dass die Unschärfe an Eurem Monitor absolut scharf ist, dass sich ein gedrucktes Foto toll anfühlt und dass Leute vor Euren Bildern stehen bleiben. Ich habe mir 2014 wieder ein Portfolio gedruckt und darüber auch ein kleines Review geschrieben, aber auch für Brautpaare Bücher gemacht und einige Motive auf Alu-Dibond gezogen. Herrlich!

Frage des Jahres: Was ist Dein Stil?

Tja. Da haben wir den Salat. Ich wusste, dass mich das mal einer fragt. Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich kann das nur damit entschuldigen, indem ich verspreche, dass das mein zentrales Thema für 2015 wird. Die Frage nach Bildsprache, Wiedererkennbarkeit, Handschrift und „meiner Fotografie“ beschäftigt mich zum Ende des Jahres immer mehr. Irgendwie gibt es sowas, denn meine Brautpaare buchen mich ja wegen „meiner Fotos“, und auch ich merke, dass ich bestimmte Dinge immer wieder ähnlich fotografiere, bei ähnlichen Motiven und Bildern lande, aber ist das schon eine individuelle Bildsprache? In einem Jahr erzähle ich Euch, wie weit ich auf diesem Weg vorangekommen bin. Bis dahin entschuldige ich mich dafür, dass in diesem Jahresrückblick 32 mal das Wörtchen „ich“ vorgekommen ist.

Ich danke allen, mit denen ich 2014 in Sachen Fotografie real oder virtuell zu tun hatte. Euch allen ein schönes Weihnachtsfest und den Start in ein tolles fotografisches Jahr 2015. Fotografiert, was Euch bewegt, seid kompromisslos und zufrieden, macht anderen Freude mit Euren Fotos und bewegt Euch und andere! Denn dazu ist Fotografie da!

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


6 Comments:

  1. Iris Bauer
    Dezember 22, 2014

    Hallo Matthias,
    habe gerade Deinen Rückblick gelesen und muss sagen, nicht nur das Fotografieren, sondern auch das Schreiben darüber ist eine Kunst, die Du sehr gut beherrschst. Ich finde Dein Logo, als auch vor allem Deinen Firmennamen BILDERWERFT so wunderschön gradlinig (ja stimmt, das Schiff….) und klassisch modern. In Hamburg fotografieren zu können muss ein Traum sein… immer wieder sehe ich ein Model mit einem lang wallenden roten Kleid am Hafen entlanglaufen und ich mache von weiter weg meine Fotos…. viel Metall, Rost, Marodes und dann diese Frau.
    Mir gefällt Deine Art, Du hast mir mal Mut gemacht, als in einer Facebook-Gruppe ein herablassender Kommentar zu einer meiner Fragen kam. Ich wünsche Dir, dass auch in 2015 Deine Fotos ihr Betrachter weiter in ihren Bann ziehen und Du brauchst Deinen Stil nicht in Worte auszudrücken, er erklärt sich von selbst! Liebe Grüße und eine schöne Zeit sendet Dir aus dem Saarland, Iris PS: Die OMD mit 45 ist auch meine 2. in der Tasche 😉

    • Matthias Fischer
      Dezember 22, 2014

      Vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Dir ein schönes 2015 mit vielen fotografischen Glücksmomenten!

  2. Michael Geyer
    Dezember 22, 2014

    Hallo Matthias,

    ich musste ehrlich gesagt etwas schmunzeln, als ich deinen Beitrag gesehen habe, denn er trifft genau ins schwarze.

    Auch ich habe mich anstecken lassen und habe mir eine E-M1 gekauft…im Urlaub ist sie nun schon ständiger Begleiter und auch für shootings nehme ich die kleine gerne mit.

    Ich denke auch, das wir uns teilweise zu viel sorgen um die Technik machen und das technisch perfekte Foto was sicherlich nicht immer notwendig ist.

    Weiter so 🙂

  3. Axel Breuer
    Dezember 22, 2014

    Hallo Matthias,

    ein interessanter „Jahresrückblick“ mit Humor und Augenzwinkern. Deine Gedanken sind nicht fremd, aber stimmig und viele davon würde ich sofort unterschreiben. Ich denke ich schau ab und an mal wieder vorbei. Dir einen schönen Abschluss und ein gutes 2015!

    Axel

    • Matthias Fischer
      Dezember 23, 2014

      das freut mich, Du bist immer herzlich auf der Bilderwerft willkommen!

  4. Anne
    Dezember 25, 2014

    Lieber Matthias,

    hier auch noch mal ein dickes Dankeschön! Ich freue mich wirklich, dass ich da einen so bleibenden Eindruck hinterlassen habe und freue mich jetzt schon auf 2015!

    Es steht einiges an! Danke für deinen Input, auf ein schönes neues Jahr.

    LG
    anne


Sorry, the comment form is closed at this time.