Die Wahrheit über Foto-Workshops

Über den Sinn oder Unsinn von Workshops streiten sich Fotografen ja gerne. Ich bin nach einigen Erfahrungen eher Workshop-kritisch. Leute, die vielleicht gute Fotos machen, aber von Didaktik keine Ahnung haben, beschließen irgendwann, dass sie nun auch Workshops anbieten, um auch damit noch etwas Geld zu verdienen. So sehr ich verstehe, dass man als Fotograf auch versucht, auf mehren Beinen zu stehen und sich nicht nur von der reinen Fotografie zu ernähren, so sehr ist dies der falsche Ansatz. Sobald die ersten Workshops laufen und voll sind, steigen die Preise und manch ein Fotograf* verkauft heute zu 3-4stelligen Euro-Beträgen Workhsops, deren echter Nutzwert bei Licht betrachtet gegen Null geht. Und wenn ich 900,- für einen Workhsop bei einem bekannten Fotografen bezahlt habe, schreibe ich natürlich begeistert darüber auf meinem Blog, denn wer verkündet der Welt schon gerne, dass er gerade den Gegenwert einer lichtstarken Festbrennweite zum Fenster hinausgeworfen hat? Das ist zwar ein erfolgreiches Geschäftsmodell, aber aus Sicht der Teilnehmer völlig wertlos, auch wenn tausende begeisterte Blogbeiträge das Gegenteil suggerieren sollen. Ich möchte hier einmal 8 Thesen zur Diskussion stellen:

These 1: Ein grundlegender Irrtum besteht in meinen Augen darin, anzunehmen, ein guter Fotograf würde automatisch auch gute Workshops machen. Ich bin mir sicher, dass gute Fotografie nichts mit guter Didaktik zu tun hat. Gar nichts. Ich kann ein Gott am Auslöser sein und trotzdem unfähig, einem Workshopteilnehmer auch nur irgendeinen Fortschritt im eigenen Können zu vermitteln. Umgekehrt kann ich ein mittelmäßiger Fotograf sein, aber einem Teilnehmer durch eine sinnvoll strukutrierte Lern- und Erkenntniskette einen echten Fortschritt vermitteln, die ihn vielleicht sogar über mein eigenes Level hinausbringt. Ein Blick in den Fussball bestätigt diese Vermutung: Die meisten guten Trainer waren mittelmäßige Spieler, die meisten guten Spieler waren später mittelmäßige Trainer. Der Negation dieser These ist übrigens genauso falsch: Ein Guter Fotograf kann durchaus auch ein guter Trainer sein.

These 2: Die meisten Workshops werden gebucht, um mal mit einem guten Model zu fotografieren (Meine Freundin Steffi Atze hat mir das Wort „shooten“ verboten). Wenn man gar keinen Erkenntnisgewinn erzielen kann, geht man wenigstens mit ein paar schönen Fotos für das eigene Portfolio nach Hause. Einige Fotografen machen folgerichtig nicht damit Werbung, dass sie sich intensiv und ausführlich mit jedem Teilnehmer beschäftigen, sondern dass das ganz Model toll aussieht. Es folgt der Link zur facebook-Seite, wo man sich schon mal tolle (Akt-)Fotos anschauen kann. Hintergrund ist sicher, dass viele Fotografen sich gerade am Anfang nicht trauen, „echte“ Models anzusprechen und es natürlich toll finden, jemanden zu fotografieren, dem man nicht sagen muss, wie er sich bewegen soll.

These 3: Workshops sind ein sich selbst erhaltendes System, geradezu das perpetuum mobile der Fotografie: Ich mache einen Workshop, bekomme öffentliches Lob in Form von Blogeinträgen oder facebook-Posts, die veröffentliche ich auf meiner Seite, bekomme dadurch wieder Teilnehmer, die wiederum nach meinem Workshop Blogposts und facebook-Einträge schreiben, die ich auf meiner Seite veröffentliche etc. Ich kenne eigentlich keinen Eintrag von Fotografen, die darüber schreiben, wie sinnlos und erkenntnisfrei ihr letzter Workshop war und dass sie ihn nie wieder besuchen würden. Auf Nachfragen in entsprechenden facebook-Gruppen kommen die immer gleichen Workshop-Empfehlungen, nämlich genau die, an denen man selbst teilgenommen hat. Schließlich hat man viel Geld ausgegeben und möchte das den anderen auch mitteilen und als Erfolg verkaufen.

These 4: (Achtung, kühne These, Prügel vorprogrammiert): Die meisten Workshops sind überteuert, weil sich Bildung nicht messen lässt. Ich kenne kein anderes Produkt in der Fotografie, für das derartig übertriebene Preise aufgerufen werden, als Workshops. (Ausgenommen natürlich Leica-Kameras…). Gerade, weil sich der echte Nutzwert von Workshops so schlecht greifen lässt, sind ihre Preise auch so schlecht zu beurteilen, letztlich ist das Drumherum, also der Name des Fotografen, sein Marketing, seine Bekanntheit der entscheidende Faktor, nicht jedoch das Produkt selbst: Der Workshop und seine didaktische Leistung. Der Preis für einen Workshop besteht aus den echten Kosten (Studio, Model, Materialen), dem Honorar für den Fotografen und einem Phantasieaufschlag, der sich aus imaginären Faktoren speist, sprich, der „Marke“, die der Fotograf aufgebaut hat. Ich bezweifele bei vielen Workshops, dass am Ende Preis und Erkenntnis in einem sinnvollen Verhältnis stehen.

These 5: Die meisten Fotografen haben keine Ahnung von Didaktik und Lernpsychologie. Die ganz überwiegenden Workshop-Konzepte lauten entweder: „How we do it“ oder „Learning by doing“. „How we do it“ heißt übersetzt: Wir erzählen Dir, was und wie wir das machen, zeigen Dir tolle Bilder und unser Equipment. Ob Du damit etwas anfangen kannst, ist uns ziemlich egal und ob Du das hinterher kannst und anwendest ebenso. Wichtig ist uns, dass Du siehst, wie gut wir sind und uns weitermpfiehlst und unserer Produkte kaufst. „Learning by doing“ heißt übersetzt: Hier habt Ihr das Model, jetzt fotografiert Ihr alle mal was. Seid mal kreativ und  sagt dem Model, was es machen soll. Was ich Euch eigentlich genau ziegen will und welche Schritte ich dafür mit Euch gehen muss, weiß ich auch nicht so recht. Ich habe es selten erlebt, dass WS-Teilnehmer eine konkrete Aufgabe bekommen, die dann mit dem Fotografen als Coach umgesetzt wird. Sich gemeinsam mit dem Coach durch eine Aufgabe zu tasten, auszuprobieren, alternative Wege zu entwickeln und wirklich zu verstehen, was man da gerade macht und warum, Mißerfolge zu erfahren und zu verstehen, was man falsch gemacht hat, das alle braucht viel Zeit und Aufmerksamkeit und bedeutet Wartezeit für die anderen. Stattdessen fotografieren alle ein wenig durch die Gegend, gerne auch mit dem 70-200mm aus der zweiten Reihe.

These 6: In Workshops riskiert man nichts, man geht auf Nummer sicher: Unter Zeitdruck und den Augen der anderen soll irgendeine Aufgabe gelöst werden. Da greift man auf bewährte Rezepte zurück. Workshops sind in meinen Augen gerade selten Experimentierfelder. Man macht sein bewährtes Ding und versucht, möglichst keine Fehler zu machen oder schlechte Ergebnisse zeigen zu müssen. Doch Lerneffekte entstehen aus dem Experiment, dem Fehler und dem Scheitern. (Fotografen-)Gruppen sind aber leider kein gutes Biotop für das Scheitern.

These 7: Man nimmt aus Workshops immer etwas mit. Vielleicht vom Fotografen, der ihn durchführt, aber auch von den anderen Teilnehmern. Einfach weil es gut ist, zu sehen, wie die anderen arbeiten, was sie anders machen, zu welchen Ergebnissen sie kommen. Vielleicht auch, um das eigene Können realistisch einschätzen und auch mal mit anderen vergleichen zu können. Schließlich arbeiten alle unter den gleichen Voraussetzungen und kommen zu ganz unterschiedlichen Ergbnissen. Das ist wirklich spannend und erkenntnisreich. Das führt mich zu

These 8: Eigentlich wäre es viel sinnvoller, sich zusammen mit Fotografen, die man mag, gemeinsam ein Thema zu setzen, ggf. ein Model zu buchen und gemeinsam an fotografischen Fragestellungen zu arbeiten, sich auszutauschen, auszuprobieren, Mißerfolge zu erleiden und dadurch Erkenntnisse zu gewinnen. Ich habe das schon das ein oder andere Mal mit meiner lieben Kollegin Romy gemacht und neben schönen Fotos auch echte Fortschritte für mich selbst erreicht. Es kostet wenig und bringt viel.

 

Und bevor jetzt alle auf mich einschlagen, liste ich kurz alle Einwände auf, die jetzt kommen werden und über die ich auch schon nachgedacht habe:

„Du hast ja offenbar echt wirklich nur schlechte Workshops gemacht!“ (Nein)

„Selbst schuld, wenn Du aus Workshops nichts mitnimmst, das liegt an Dir“ (Gut möglich)

„Mach es doch selber besser, anstatt hier rumzumeckern!“ (Keine Zeit, aber danke!)

„Du bist ja nur neidisch, weil die anderen damit so viel Geld verdienen!“ (Absolut!)

„Wenn Du die alle doof findest, warum gehst Du dann hin?“ (Weil nicht alle doof sind)

 

Was ich eigentlich sagen wollte: Rennt nicht in jeden Workshop, den man Euch empfiehlt: Denkt darüber nach, ob es andere Wege zum Glück gibt. Seid hinterher kritisch in der Bewertung, auch wenn Ihr viel Geld versenkt habt. Schätzt den Nutzwert für Euch mit etwas Abstand kritisch ein. Geht mit einem klaren Lernziel in einen Workshop und versucht, es mithilfe des Trainers zu erreichen. Und wenn Ihr einen guten Workshop habt, genießt ihn!

 

Nachtrag: Ich habe selten auf einen Blogpost soviele Rückmeldungen bekommen. Zustimmende, korrigierende, ablehnende, gutgemeinte, bösgemeinte. Wie auch immer. Ich finde es schön, eine Diskussion ausgelöst zu haben, dafür schreibt man im besten Falle. Mir ging es weder darum, Anbietern von Workshops den Tag zu verderben noch eine vermeintlich eigene tragische Workshop-Biographie aufzuarbeiten, wie einige mitleidig vermuteten. Ich habe nur meinen subjektiven Eindruck aufgeschrieben, der offensichtlich so subjektiv gar nicht ist. Ich nehme auch nicht in Anspruch, das Thema wissenschaftlich solide und umfassend aufgearbeitet zu haben. Ich glaube, dass man Workshops gut machen kann, ich glaube, dass es Leute gibt, die Workshops gut machen und ich glaube, dass es Menschen gibt, die aus guten Workshops etwas mitnehmen. Und dennoch glaube ich, dass auf viele Workshops das zutrifft, was ich oben schrieb.

 

 

 

*Ich benutze immer die männliche Form, meine aber auch immer die weibliche mit. Die Freiheit nehm’ich mir…

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


3 Comments:

  1. Alexander Scheubly
    August 22, 2016

    Du sprichts mir aus dem Herzen. Ich habe bei mir teilweise Teilnehmer, die das Thema schon angesprochen hatten und von Ihren Erfahrungen berichtet haben. Sehr abenteuerlich. Aber auch ich habe früher Massenworkshops vor 25 Teilnehmern gehalten. Der Lernerfolg ist gleich null. Als sich dann ein Teilnehmer zum dritten Male zum Lightroom Kurs anmelden wollte hat es klick genacht. Jetzt ist die Teilnehmerzahl auf 4 beschränkt und auf ein ganzes Wochenende ausgeweitet. Das ist sehr viel nachhaltiger, kostet aber auch aufgrund der Vollverpflegung, Druckmaterialien etc. auch fast 200€. Aber dafür muss auch keiner zum Jünger des Dozenten werden

  2. Mario
    August 22, 2016

    Ein Bild sollte Magie ausstrahlen, der Magier seine Tricks jedoch niemals verraten – sinngemäß die Meinung eines Fotografen, den ich (anderes Handwerk) kennenlernen durfte. Nun habe ich diese „Thesen“ gelesen und stimme vielem zu. Das Fehlen eines Punktes verwundert mich: hat kein Fotograf die Sorge, sich (auf Dauer) Mitbewerber heranzuziehen? In einer Zeit, in der sich jeder dritte mit dem Smartphone in der Tasche als „Fotograf“ bezeichnet? Schadet nicht jeder Cent, der bei einem „ich mach’s Dir billiger Knipser“ landet, denen, die von Ihrem Können leben wollen?

  3. Matthias
    August 22, 2016

    Eberhard Schuy hat sich seinerseits kritisch mit meinem Artikel auseinandergesetzt, wer mag, schaut gerne auch bei ihm vorbei:
    http://loft2blog.blogspot.de/2016/08/ein-kommentar.html


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