Time for Pictures VI: Sebastian

What_do_you_want

Foto: Sebastian Laufenberg, Nikon D90, 1/125 seconds, f:5.6, ISO 100

Lieber Sebastian,

besten Dank für Deine Einsendung und ich gebe zu, Dein Bild ist für mich eine echte Herausforderung. Ich betrachte mich selbst absolut als „Gebrauchsfotografen“: Ich freue mich, wenn ich ein gutes Foto mache und sich Menschen dann darüber freuen oder es ihnen anderweitig nutzt. Ich sehe mich nicht als Künstler und habe auch nicht den Anspruch, mit meiner Kamera Kunst zu schaffen. Insofern begebe ich mich mit Deinem Bild absolut auf Glatteis oder auch „Neuland“, wie unsere Kanzlerin sagen würde. Und dann ist es eine Studioaufnahme. Das reduziert die Phantasie, weil ich mich nicht in Szenarien reindenken kann, unter denen das Bild entstanden ist. In den bisherigen Bildbetrachtungen habe ich unbewusst Wind und Wetter gespürt, Kinderlachen oder Tassengeklapper gehört, in Deinem Bild bin ich auf das rein sichtbare angewiesen. Freundlicherweise hast Du Deinem Bild einen Titel gegeben, an dem ich mich dann gleich abarbeiten darf: „What Do you want?“

Gleichzeitig zeigt Dein Bild, was man alles Großartiges mit Fotografie machen kann, dass wir mit ihrer Hilfe völlig neue Welten schaffen können und unserer Phantasie völlig freuen Raum lassen können. Ich nehme schon bevor ich Dein Bild länger betrachtet habe mit, dass ich experimtierfreudiger werden möchte und meinen Bildern im Kopf mehr Raum geben möchte, statt mich nur auf das einzulassen, was da ist. Danke dafür!

Gestaltung

Drei Elemente prägen das Bild: Lampe, Sessel und die Figur mit der Maske. Für mich kommt als viertes Element noch das relativ harte und dezidierte Licht von rechts dazu. Mein Auge kreist immer wieder um diese drei Gegenstände springt im Wortsinne „im Dreieck“. Der Hintergrund gibt nichts, woran man hängen bleiben könnte, es ist ein Studiohintergrund und macht das Bild sehr clean. Das gibt dem skurrilen Typen den Raum, den er braucht. Sein Gesicht ist als Hauptmotiv nahezu im Goldenen Schnitt, ein Zeichen dafür, dass auch bei abgefahrenen Motiven bestimmte Regeln der Gestaltung nicht ihre Gültigkeit verlieren. Überhaupt ist das Bild sehr klassisch gebaut. Lampe und Sessel stehen so, wie sie auch in zahllosen deutschen Wohnzimmern stehen. Sie ordnen sich dem Typen mit der Maske unter, dem sie als Kulisse dienen. Der Sessel ist durch die Unterbelichtung fast nur an der Kontur als solcher erkennbar. Bei soviel Schlichtheit bleibe ich ein wenig zu sehr an dem Kabel der Lampe hängen, aber das ist eine Kleinigkeit.

Fotografisch

Das Bild ist mit den nahezu klassischen Einstellungen gemacht, die man im Studio nutzt. Belichtunsgzeit innerhalb der Synchonzeit der Kamera, eine mittlere Blende, den Rest regelt der Blitz. Ich vermute, es ist in diesem Falle ein einziger Blitz? In diesem Falle steht dieser ganz rechts und sorgt für den krassen Helligkeitsabfall im „Gesicht“ und die hellen Fingerkuppen sowie den „absaufenden“ Sessel im Schlagschatten der Figur. Der Blitz gibt dem Bild seine krasse Stimmung, er löst Figur und Lampe aus der Dunkelheit, gibt etwas Licht auf den Hintergrund. Die Tatsache, dass diese Zeilen alles sind, was mir zum Fotografisch-Technischen einfällt, zeigt, dass unterschiedliche Arten von Fotografie völlig andere Schwerpunkte haben. Beim einen Bild kann man stundenlang über die Technik der Fotografie reden, beim anderen über die formale Bildgestaltung, bei Deinem Foto, Sebastian ist es ganz klar der Inhalt, über den man am meisten nachdenkt.

Inhalt

„Spooky“, „Verrückt“, „Krass“, das waren so die ersten Assoziationen, die ich hatte, als ich Dein Bild in meiner Mail fand. Du hast Deiner Fanatasie freien Lauf gelassen, vielleicht ist die Maskerade Deiner Figur auch erst während des Shootings gewachsen und Stück für Stück ist dazugekommen? Vielleicht war das erste Set ganz normal: Ein Mensch, Lampe Sessel? Und dann gingen die Gäule mit Euch durch? Oder war alles fertig in Deinem Kopf? Keine Ahnung, aber so ist Kunst. Am Ende schaut mich ein Wesen an, dass sehr an Hans-Dietrich Genscher erinnert. Offenbar wurde er in seiner Ruhe im Sessel gestört und hat sich unwillig erhoben. Barsch zeigt er mit der Zigarre auf mich und fragt „What do you want?“ Sein linkes Auge blitzt gefährlich aus der Maske heraus, trotz des lustigen Hütchens wirkt die Figur eher bedrohlich. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen, wenn er gestört wird. Also jetzt. Der hält sich nicht an Konventionen, der trägt T-Shirt zum Jacket und die Krawatte hängt nur lose um den Hals. Seine Bude ist eigentlich ein dunkles Loch, da war lange kein Tageslicht mehr zu Gast, sein Leben findet unter dieser Funzel statt. Ein zwielichtiger Bursche. Mit gutem Benehmen, Konvention etc. brauche ich diesem Typen nicht zu kommen. Seine linke Hand sehe ich nicht, hat er dort schon das Beil versteckt, mit dem er sich gleich für die Störung revanchieren wird? Trotz des spießigen Settings ist mir der Typ unheimlich. Aber vielleicht sind ja die Spießer gerade die gefährlichsten? Vielleicht rasten die ja am ehesten aus? Und vielleicht gerade unter einer Maske, wenn niemand sie sieht? Oder steht die Genscher-Maske gar für Deutschland und seine Rolle in der Welt? Wurde da unser Land gerade aus seinem satten Nachkriegsschlaf geweckt? Steht die Weltpolitik vor der Tür und stört die beschauliche Ruhe aus Sessel, Lampe und Zigarre? Für mich, der ich mich in meinem eigentlichen Beruf viel mit Politik und Geschichte beschäftige, ist diese Interpretation die natürlichste, ich lese Dein Bild so und packe damit meinen Wissens- und Erfahrungshorizont in die Interpretation mit hinein. Dabei weiß ich, dass für andere diese Interpretation völlig an den Haaren herbeigezogen wirken muss. Vielleicht kennen einige Hans-Dietrich Genscher gar nicht mehr? Andere sehen vielleicht einen Clan-Boss, der beim Drogenhandel gestört wurde?


Lieber Sebastian,

danke für Dein Foto, ich habe mich durch Dein Bild durchgearbeitet und ihm eine Bedeutung abgerungen, die für mich passt. Anfangs war mir Dein Bild fremd, inzwischen haben wir uns gut angefreundet. Ich mag den Typ da und kann ihn verstehen, auch wenn er mir nach wie vor etwas Angst macht. Mir ist an Deinem Bild klar grworden, wie wichtig es ist, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, neue Welten zu schaffen, Kunst zu machen. Und mir ist klar geworden, wie es sich anfühlt, wenn Kunst im Auge des Betrachters entsteht und wie wahr dieser Spruch ist. Vielen Dank für diese Erkenntnisse!

Dein Matthias

Auf Eure sachlichen Kommentare freue ich mich und Teilen ist natürlich erwünscht…

Die anderen Beiträge der Serie findet Ihr hier:

Tfp I mit Anette

Tfp II mit Nadine

TfP III mit Alexandra

TfP IV mit Dagmar

TfP V mit Werner

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About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


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