Time for Pictures V: Werner

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Foto: Werner Kasparides, Canon EOS 70D, 1/1000 sek., f: 2.2, ISO 100

Lieber Werner,

vielen Dank für Dein Bild. Ersteinmal einfach so und dann, weil es in vieler Hinsicht eine Premiere ist. Du bist der erste „Kerl“ der sich aus der Deckung wagt. Und was schickst Du mir: Natürlich eine schöne Frau. Bingo! Heute reden wir über Klischees und ich verspreche, ich hänge mich weit aus dem Fenster… Und dann das erste Bild im Hochformat. Und mit Wasserzeichen. Werner, wir müssen reden!

Nein, keine Angst! Ich finde Dein Bild großartig und habe nix zu meckern, schließlich geht es hier -und das haben inzwischen wohl alle gemerkt- nicht darum, mich über Eure Bilder aufzuschwingen, sondern anhand von Bildern den Gedanken freien Lauf zu lassen und dabei das ein oder andere grundsätzliche Thema jenseits des konkreten Bildes zu streifen. Und Dein Bild ist ein toller -und schöner- Anlaß dazu, vielen Dank also schon einmal.

Und da mich ein paar grundsätzliche Fragen beim Betrachten Deines Bildes erfasst haben, stelle ich diese voran, um mich dann Deinem Bild zu widmen. Ehrlicherweise haben sie eigentlich nix mit Deinem Bild zu tun, Werner. Lehne Dich also entspannt zurück!

Let’s talk about sex! Ich bekomme die erste Einsendung von einem Mann für TfP und was schickt er: ein schönes Frauenporträt. Wie? Erst jetzt, bei der mittlerweile 5. Bildbesprechung? Und das, wo doch alle alle Foren, Communities und sozialen Netzwerke voll davon sind. Manchmal hat man das Gefühl, wir Kerle würden mit unseren Kameras nichts besseres anzufangen wissen, als ohne Ende Frauen zu fotografieren: Angezogen, nackt, mit Dingen angezogen, die man sonst nicht anzieht, bemalt, beklebt oder sonstwie verziert und herausgeputzt. Oder eben auch ganz normal. Aber Fakt ist: Männer fotografieren gerne Frauen. Ich auch, mein People-Portfolio zeigt zum ganz überwiegenden Teil Frauen. Und weil in vielen Foren viele Männer sind, sind dort auch viele Frauenbilder. In manchen Foren wird und wurde das diskutiert und darüber gestritten, ob das sexistisch sei, insbesondere, wenn es um Aktaufnahmen geht. Ich bin kein Freund von Gender-Diskussionen, und verfolge mit Erstaunen und bizarrer Verwirrung so manche Diskussion, die in diesem Bereich geführt wird. (Ich benutze zum Beispiel auch immer die männliche Form, wenn ich beide Geschlechter meine, weil ich Sternchen und Striche, Binnen-I’s für ein Schrift- und Sprachmassaker halte.) Fotografie ist für mich eine künstlerische Angelegenheit und der Künstler muss dem folgen, was er als inneren Antrieb hat. Der eine fotografiert Steine, der andere Tiere und viele Männer eben Frauen. Offenbar finden Männer Frauen schön und fotografierenswert. Und offenbar ist das „spannend“ im Wortsinne. Und ich versuche das mal aus meiner Sicht zu erklären, denn nur die kann ich beurteilen.

Ich hatte mal eine Kommilitonin im Studium, die ich absolut faszinierend fand und irgendwann mal völlig einfallslos zum Kaffee einlud. Daraus wurde eine sehr intensive, rein platonische, sehr verkopfte, intellektuelle und völlig asexuelle Freundschaft. Und doch waren wir uns beide sicher -und sprachen auch darüber- dass die Tatsache unserer unterschiedlichen Geschlechter die ganze Angelegenheit deutlich spannender und prickelnder machte. Beim Fotografieren bauen wir für die Zeit des Shootings eine Beziehung zu unserem Model auf. Und diese Beziehung ist zwischen Mann und Frau anders, als zwischen Mann und Mann und Frau und Frau, es sei denn, die Beteiligten sind schwul oder lesbisch. Ich behaupte: Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter macht die „Spannung“ aus, die beim Fotografieren entsteht. Sie treibt uns latent dazu, das jeweils andere Geschlecht zu fotografieren. Hier gibt es mehr Unentdecktes, mehr Aufregendes und eben dieses große „Etwas“, das den kleinen Unterschied macht. Ich gestehe offen: Mir zumindest geht es so. Ich fotografiere gerne Frauen, ich finde es spannend, manchmal auch herausfordernd, aber nie langweilig. Und ich tue nicht so, als hätte das mit meinem eigenen Geschlecht nichts zu tun. Natürlich schaue ich als Kerl gerne Frauen an und sicher beeinflusst das auch meine Fotografie. Und ich habe das Glück, eine großartige Ehefrau zu haben, die das mitmacht und versteht.

Fazit: der „kleine Unterschied“ macht das Leben an allen Ecken und Kanten spannend und natürlich gerade auch in der Fotografie, die ja in einem gewissen Sinne auch immer ein „intimer“ Prozess ist. Beim Fotografieren entsteht Nähe, Vertrautheit, aber eben immer auch dieses ganz kleine Prickeln, das wir dann später im Bild sehen und für das wir das Bild vielleicht auch machen. Und ich finde es völlig in Ordnung, wenn Männern das so geht, wenn sie Frauen fotografieren und Frauen, wenn sie sich Kerle vor die Linse holen. Lebt Eure Leidenschaft, macht tolle Fotos mit „Prickeln“ im Bauch und im Bild und überlasst die Gender-Analysen den Feuilletons. Kunst muss aus dem Bauch raus entstehen, mit allen Affekten und Trieben.

So, Werner: Aufwachen, nun zu Deinem Bild!

Gestaltung:

„Mädel im Gegenlicht“ war mein erster Gedanke. Da macht man nie etwas falsch. Sieht immer gut aus. Mache ich auch ganz häufig. Ich liebe das. Früher sagt mir mein Vater immer, man müsse mit dem Licht fotografieren. Heute erkenne ich: Mein Vater hatte nicht immer recht. (Nicht nur beim Fotografieren, aber das würde zu weit führen…) Kurz gesagt: ein tolles Foto. Das Licht kommt, wenn ich es richtig sehe, wirklich direkt von hinten, Dein Model hat an beiden Haarseiten diesen typischen Lichtkranz und der Schattenlauf der Zaunpfähle spricht auch dafür. Diesen schönen Effekt bezahlt man dann immer mit einem sehr flachen Licht im Gesicht und diesem typischen milchigen oder „gefadeten“ Look, den man sonst mit der Gradationskurve in seine Bilder zaubern kann. Ich habe mir mal zusammen mit der tollen Fotografin Romy ein Model gebucht, um genau diesen Feinheiten des Gegenlichts nachzuspüren und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Licht von hinten schräg immer ein wenig konturierender und besser ist, als direktes 180-Grad Gegenlicht. (Also auf „11 Uhr“ oder „1 Uhr“, statt auf „12 Uhr“) Alternativ ist diese Lichtsituation natürlich wie gemacht für den Einsatz von Bouncern und Reflektoren. Anders gesagt: Mir ganz persönlich ist das Gesicht ein wenig zu flau und dunkel, insbesondere die schönen Augen hätte ich gerne etwas klarer gesehen. Aber natürlich ist das Licht (Herbstlicht?) wunderschön und zaubert eine tolle warme Stimmung. Du hast Dein Model im „amerikanischen Schnitt“ im Bild positioniert, also vom Kopf bis zur Hälfte der Oberschenkel, vermutlich auch, um die rechte Hand am Geländer noch mit ins Bild zu bringen. Mit dieser Aufteilung landet der Kopf und insbesondere die Augen relativ weit oben an der Bildkante, mein „Schulmeister-Ich“ schreit: „Zu weit oben, Goldener Schnitt!!“ Ich entgegne ihm: „Ruhig, das kann man so machen!“

Dein Model hat natürlich das, was wir Kerle so gerne als „Granatenfigur“ bezeichnen. Dennoch gilt mein Interesse spontan dem Gesicht. Ich selbst bin überhaupt kein toller „Ganzkörper-Fotograf“. Ich lande nach 4-5 Fotos meist im Gesicht und mache dann nur noch Porträts. Da Dein Model relativ „unspektakulär“ gewandet ist, hätte ich das in diesem Falle vielleicht auch getan. Meine ketzerische Frage wäre: Brauchen wir den unteren Teil des Bildes? Ist das Thema des Fotos nicht das hübsche (ein ganz klein wenig asiatische?) Gesicht und das tolle Herbstlicht im Haar und vielleicht noch im Dekolleté und auf der Kette? Allerdings wäre dann die schöne Linie des Geländers verloren gegangen, die dem Bild seine Tiefe und Richtung gibt.

Apropops Linie: Ich habe lange überlegt, ob es mich stört, dass der Horizont durch ihren Kopf geht. Die Antwort ist: Nö!

Fotografisch:

Das Licht habe ich bei der Gestaltung abgehandelt, es kehrt aber nochmal kurz zurück. Vielleicht hätte eine leichte Überbelichtung dem Gesicht geholfen, ohne dem Hintergrund zu sehr zu schaden? Durch den etwas dunklen und milchigen Gegenlicht-Effekt entsteht der Eindruck von Unschärfe im Gesicht und je länger ich hinschaue, desto länger überlege ich, ob der schärfste Bereich nicht das Bündchen der Strickjacke an ihrem rechten Arm ist. Vielleicht liegt das aber auch nur an der klaren Struktur dort oder der Kompression beim Versand per Mail an mich.

Du hast bei offener Blende fotografiert, was auch dazu führt, dass das aus Kamerasicht rechte Auge schon unscharf wird, nachdem Du offenbar auf das andere Auge fokussiert hattest. Toll finde ich das durch die offene Blende geschaffene zauberhafte, swirlige Bokeh, insbesondere in den hellen Partien des Baumes im Hintergrund.

Inwieweit das Bild bearbeitet ist, kannst nur Du beurteilen. Wenn die Sättigung etwas erhöht ist, ist das vielleicht der Grund für die relativ ausgeprägten chromatischen Aberrationen am Metallgeländer, die mich ein wenig stören. Da hätte man vielleicht nochmal draufklicken können? Und ich hätte den Kontrast trotz des gewünschten milchigen Gegenlicht-Looks auch noch etwas angezogen, aber das ist totale Geschmackssache.

Inhalt:

Dein Bild lebt von der Stimmung und dem hübschen Model. Ein schöner Herbstnachmittag, die letzten warmen Sonnenstrahlen, die erhöhte Position über einem Fluß mit dem Blick ins Tal hat etwas „loreley-mäßiges“, irgendwie „Deutsches“ oder „Romantisches“, ich kann es schwer beschreiben. Die Stimmung fängt mich ein und doch lande ich immer wieder im Gesicht und dem leicht zurückgezogenen Kopf mit dem geschlossenen Mund und etwas distanzierten, vielleicht sogar arroganten, auf jeden Fall sehr selbstbewußten Augen. Dein Model weiß, dass sie gut aussieht, neben dem Gesicht trägt das Dekolleté diese selbstbewußte Ausstrahlung, erzeugt durch die gerade Haltung.

Je länger ich in die Augen schaue und den Anflug eines Lächelns in ihrem rechten Mundwinkel sehe, desto mehr überkommt mich die Vermutung, dass sie gerade über die Fragen nachdenkt, die ich im Vorspann zu dieser Bildbesprechung thematisiert habe. Denkt sie über Fotografen nach? Männliche Fotografen? Ist sie amüsiert, dass wir immer wieder so gerne Models wie sie ablichten? Auf jeden Fall sieht man ihr an, dass sie von einem Mann fotografiert wird. Hätte sie eine Frau anders angeschaut, als Dich? Oh ha, steile These, ich weiß, ich lasse es aber einfach mal so stehen.


Lieber Werner,

was hast Du angerichtet? Ein Foto von einer schönen Frau und ich schreibe mich um Kopf und Kragen. Selten soviel strittiges Zeug geschrieben, selten so viele kühne Thesen aufgestellt. Ich gelobe Besserung. Aber wenn ich den ein oder anderen Gedanken (und Kommentar?) ausgelöst habe, passt ja alles.

Eines ist mir beim Schreiben selbst aufgefallen und hat mich überrascht: Der Gesamteindruck eines Fotos und die Summe der Anmerkungen, die mir auffallen, stehen in keinem Verhältnis. Ich habe das Gefühl, viel Kleinkram moniert zu haben und das, obwohl ich Dein Bild total mag und sehr schön finde. Komisch. Ich schreibe deshalb jetzt auch nicht mehr, dass ich die ganze Zeit denke, dass die Farbe des Nagellacks an ihrem Daumen nicht zu den Farben des restlichen Bildes passt. Was wäre das für ein kleingeistiger Erbsenzähler, der sowas schreibt?

Danke für Dein Bild, danke für die ganzen Gedanken, die es auslöste und danke für’s Mitmachen!

Dein Matthias

Auf Eure sachlichen Kommentare freue ich mich und Teilen ist natürlich erwünscht…

Die anderen Beiträge der Serie findet Ihr hier:

Tfp I mit Anette

Tfp II mit Nadine

TfP III mit Alexandra

TfP IV mit Dagmar

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About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


2 Comments:

  1. Daniel
    März 25, 2016

    Hallo Matthias,

    was ein toller Text! Es hat wirklich Spaß gemacht diese Zeilen zu lesen… Vielen dank dafür!

    Viele Grüße aus Bielefeld

  2. HaDieter Roemer
    Mai 16, 2016

    Hallo Matthias,
    durch Zufall bin ich auf deine Seite/Blog gelandet und genauso wie du über sieses Bild gestolpert…
    Da in nächster Zeit wieder auf Potraittour bin habe ich mir deine Zeilen zu Gemüte geführt und mich
    in vielen Dingen wiedererkannt… Einfach toll was du dir da von der Seele schreibst!!
    Dir weiterhin gutes Licht, tolle Ideen…
    Liebe Grüße aus Ostfriesland vom HaDi


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