Time for pictures II: Nadine

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Foto: Nadine Gföller. Canon EOS 60D, 30mm, f:1.8, 1/125 sek. (Klick macht groß)

Liebe Nadine,

 

Vielen Dank für Deinen Beitrag für „Time for pictures – Zeigt mir Eure Bilder“.

(Wer übrigens denkt, ich würde in Bildern ertrinken und es würde gar kein Sinn machen, mir ein Foto zu schicken, der irrt! Gebt Euch einen Ruck, zeigt mir, was Ihr fotografiert und seid gewiss, dass ich sorgsam mit Euren Werken umgehen werde. Das ist der Sinn dieses Projektes. Hier nochmal die Adresse: info@bilderwerft.com)

Nun zu Deinem Bild: Als Teilnehmer eines Porträt-Workshops musste ich einmal wie alle anderen Teilnehmer auch zu Beginn drei meiner „besten“ Porträts beisteuern, um Material für die Auftakt-Bildanalyse zu haben. Ich hatte unter meinen 3 Bildern auch ein Kinderporträt. Verträumt, hinter der Scheibe. Wunderbar.

Das Feedback war kurz und knackig: „Mit Kindern machst Du nie was falsch. Kinderbilder kommen immer gut. Wer daran etwas kritisiert, ist ein Unmensch.“ An diese Episode musste ich denken, als ich Dein Bild sah. Kinderbilder haben vielleicht von allen Motiven die größte emotionale Bedeutung für Eltern und später für die Kinder selbst. Insofern: Alles richtig gemacht, ein tolles, emotionales Bild.

Wir sehen auf Deinem Bild ein Mädchen, das – den Wassertropfen und den nassen Haaren nach zu urteilen- gerade planscht oder badet. Vielleicht düst die Kleine gerade an einem heißen Sommertag unter dem Rasensprenger hindurch, zumindest lässt das Bokeh im Hintergrund vermuten, dass es sich um eine Außenaufnahme handelt.

Formal:

Dein Bild zeigt einen Moment des Innehaltens oder der Kontaktaufnahme mit jemanden rechts neben Dir. Es ist also nicht eine unbekümmerte Spielszene, auch kein Porträt, sondern irgendetwas dazwischen. Ein „Porschuss“ oder „Schnappträt“? Wie bereits bei Anettes Bild von letzte Woche ein Beweis, dass die Gattungsbegriffe der Fotografie nicht immer funktionieren. Das Bild ist aus einer leichten Untersicht aufgenommen, vermutlich hast Du auf dem Rasen gesessen, als die Kleine auf Dich zugedüst kam. Vielleicht habt Ihr geredet, bevor sie von jemandem anderen abgelenkt wurde oder sie war nur auf dem Weg dorthin bei Dir vorbeigekommen?

Interessant finde ich, dass Du zwar auf ihrer Ebene sitzt, durch ihren Blick nach oben aber die Welt der Erwachsenen mit im Bild ist, bzw. geholt wird. Dominierend sind im Bild die nassen Haarsträhnen, die die Nase und das Gesicht einrahmen und natürlich die Kulleraugen. Die wiederum harmonieren sehr gut mit dem runden Bokeh im Hintergrund, weil Du mit sehr offener Blende fotografiert hast, die Haare am Hinterkopf werden schon unscharf.

Dass ich schwarz-weiß mag, wisst Ihr alle seit der letzten Bildbesprechung und auch durch einen Blick in mein Portfolio. Ich finde es auch völlig unnötig, dass alle Bildpartien noch Zeichnung haben, das reine schwarz im Hintergrund oder im Haaransatz an der Stirn stört mich überhaupt nicht. Ob das „Sommerliche“ in einem Farbbild mehr herausgekommen wäre, kannst nur Du beurteilen. Auf jeden Fall konzentriert man sich durch die Bearbeitung sehr auf das Gesicht, insbesondere die Augen.

Auch den Bildschnitt finde ich klasse, andere mögen den angeschnittenen Kopf oben bemängeln, ich mag das, weil es die Kleine sehr präsent ins Bild holt. Nah dran ist immer gut…

Und dennoch ist Dein Bild ein gutes Beispiel, um über die Frage nachzudenken, ob und wie wichtig Regeln der Bildgestaltung sind. Der Bildaufbau folgt dem Goldenen Schnitt, aber je länger ich Dein Bild anschaue, stört mich doch, dass die Kleine aus dem Bild hinaus, bzw. auf die rechte Bildkante schaut. Ich habe lange versucht, mit einem „anderen Auge“ das Bild anzuschauen und zu versuchen, mich an diese Blickrichtung zu „gewöhnen“. Es ist mir aber nicht gelungen. Bis zum Schluss störte mich dieses Detail, das Du vermutlich beim schnellen Fotografieren kaum beeinflussen konntest.

Ein quadratischer Schnitt hätte das schöne Bokeh ausgeblendet, ein Hochformat ebenso, ich habe ein wenig in Lightroom herumprobiert, aber auch keine befriedigende Lösung gefunden.

Dein Bild ist für mich ein schönes Beispiel, dass man nicht immer alles nach Regeln gestalten muss und dass sich Bildkritik nicht in der kleinlichen Überprüfung ihrer Einhaltung erschöpfen darf, dass es aber eben auch Regeln gibt, die dem Bild nutzen.

Fotografisch:

Dein Model wird sicher nicht muckskistelstill vor Dir gesessen haben. Kinder sind immer in Bewegung und Du hast hier trotz offener Blende das aus Kamerasicht linke Auge voll getroffen, obwohl die davor hängenden Haare den Autofokus auch noch durcheinander hätten bringen können. Dadurch, dass die unscharfe Seite des Gesichts auch noch etwas im Schatten liegt, richtet sich die Aufmerksamkeit ganz auf das rechte Auge des Kindes.

Optisch ist sie schön getrennt vom Hintergrund, nicht nur durch die Freistellung der offenen Blende, sondern auch durch die Lichtverteilung: Vorne das Gesicht ist schön schattenfrei ausgeleuchtet durch waagerecht einfallendes Licht, der Hintergrund fällt von der Helligkeit stark ab und trennt sich dadurch gut vom Motiv. Vielleicht hast Du in der Bearbeitung noch eine kleine Vignette eingebaut, auf jeden Fall überzeugt das Ergebnis. Die Verteilung des Bokehs sowohl links als auch rechts vom Motiv rahmen die Kleine schön ein. Und das Bokeh lockert den Hintergrund schön auf, ohne ihn zu präsent zu machen.

Das Licht ist wunderbar, vielleicht hast Du mit der Kleinen unter einem Baum gesessen, auf jeden Fall gibt es kaum harte Schatten unter dem Kinn oder der Nase. Stattdessen weiches Licht aus Deinem Rücken, vielleicht die Reflektion einer Wand hinter Dir oder auch einfach nur des Rasens. Und vielleicht rührt auch daher der Entschluss, das Bild in schwarz-weiß umzuwandeln, weil es im Original den typischen Grünstich auf der Haut zeigte, den Bilder im Wald und auf der Wiese häufig haben?

Inhalt:

Die Geschichte eines solchen Bildes ist naturgemäß weniger komplex, als in unserem Beispiel letzte Woche. Hier sehe ich ein kleines Mädchen, das im ausgelassenen Spiel kurz innehält. Ob sie gerade eine Ermahnung bekommt, etwas spannendes Neues sieht oder etwas ganz anderes ihre Aufmerksamkeit fesselt, vermag ich nicht zu sehen. Wenn ich versuche, den Kontext zu entschlüsseln, sehe ich vor meinem inneren Auge ein glückliches Kind, dass im Sommer draußen spielen kann, sei es im eigenen Garten oder im Freibad. Jemand ist bei dem Kind, es hat Aufsicht, aber auch Ansprache, man würde wohl den Begriff „behütet“ wählen. Spannend finde ich das „Erwachsene“ in den Augen. Kinder haben das oft. Ich sehen den Übergang vom „kleinen“ Kind, das sich selbst völlig genug ist hin zum „größeren“ Kind, dass Verantwortung übernehmen kann und will. Sie hört zu, will verstehen, was man von Iir möchte und stellt sich dieser Aufgabe. Vielleicht ist es Wissbegierde in ihren Augen, Nachdenklichkeit? Auf jeden Fall aber nicht mehr reines, naives Staunen. Entscheidend für diesen meinen Eindruck sind die Augen, aber auch der konzentriert und ernsthaft geschlossene Mund. „Hier geht es um etwas“, sagt dieser Gesichtsausdruck. Dafür kann und muss man auch mal das Planschen unterbrechen.


Liebe Nadine,

Keine Ahnung, ob ich in dem Bild das gesehen habe, was Du hineingepackt hast. Vielleicht sah ich ganz anderes, viel zu viel oder viel zu wenig? Ich weiß es nicht, aber das ist ja das Schöne an der Fotografie. Wir können alle unterschiedliche Dinge in einem Bild sehen.

Dein Matthias

Auf Eure sachlichen Kommentare freue ich mich und Teilen ist natürlich erwünscht…

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About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


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