Time for pictures I: Anette

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Foto: Anette Göttlicher , Nikon D750, 1/1000 sek, f:5.0, ISO 100 (Klick macht groß)

 

Liebe Anette,

vielen Dank für Deine Einsendung für „Time for pictures“ und danke für Deinen Mut, gleich alles erste Deinen Hut in den Ring zu werfen. Ich verfolge ein wenig Deine Werke bei facebook und Instagram, „kenne“ Dich also ein ganz klein wenig, wie man sich in Zeiten von facebook halt „kennt“.

By the way: Wenn ich die Bilder anschaue, die mich erreichten, beschleicht mich der Eindruck, dass Frauen sich eher der Kritik stellen. Los Jungs, lasst das nicht auf Euch sitzen…

Ich sah Dein Bild kurz auf dem IPhone, dachte „Wow“, klickte es wieder weg und freute mich darauf, mich in Ruhe damit hinzusetzen. Und je länger ich das tue, desto klarer wird mir, dass Dein Foto ein typisches Beispiel dafür ist, dass Bilder Zeit benötigen. Und dass Kategorien Mist sind: Ist das jetzt „People“ oder „Street“? Egal.

Auf den ersten Blick eine Schar spielender Kinder im Gegenlicht vor der Kulissen von NYC, toller Schnappschuss, „schön gesehen“ und tschüss! So erginge es Deinem Bild vermutlich in den „sozialen“ Medien.

Also mal in Ruhe: Das Foto ist offenbar in Brooklyn, New York aufgenommen, vermutlich unterhalb der Brooklyn Bridge, in dem kleinen Park, in dem Jane’s Carousel steht. Es ist ein Sommertag, vielleicht Wochenende, vielleicht einer dieser schwülen, brütenden Sommertage in NYC, vielleicht weht vom East River ein kleiner frischer Hauch. Auf jeden Fall ein idealer Tag, um ausgelassen mit Seifenblasen zu spielen.

Formal:

Vermutlich handelt es sich um einen klassischen Schnappschuss, denn solche Bilder lassen sich nicht arrangieren. Trotzdem ist das Bild in meinem Augen „gestaltet“, ob nun bewusst oder intuitiv, schmälert das Können der Fotografin nicht. Als jemand, der viel Kinder fotografiert, hast Du Dich auf die Ebene der Kinder begeben und vermutlich hingekniet oder gehockt. Damit nimmst Du die Perspektive der Kinder ein und bekommst die Brücke sowie die Skyline ins Bild.

Mich packt neben dem Brückenbogen sofort die mittlere Gruppe, die ausgelassen im Seifenblasenregen springt, der durch die kurze Belichtung super eingefangen ist. Flankiert wird diese Gruppe durch die Menschen auf der rechten Seite, sowie den Seifenblasenmacher auf der linken Seite. Dass dieser und der Vater auf der rechten Seite eher dunkel gekleidet sind, rahmt die Kindergruppe in der Mitte ein. Besonders das Mädchen in der Mitte, das mit geschlossenen Augen den Moment und vielleicht die Abkühlung genießt, trägt die Geschichte ganz wesentlich. Mein Blick geht spiralförmig in das Bild: Beginnend mit dem Brückenbogen links oben, folgt er diesem und wandert am rechten Bildrand über den Vater, das Kind im Vordergrund zu den Mädchen in der Mitte. Der kleine Junge mit den erhobenen Händen bringt mich dann auf die linke Seite und zu dem Schwarzen, der die Seifenblasen macht. Daneben gibt es viele Details, die man entdecken kann, z.B. das Paar ganz links, das dem Treiben zusieht, das herrenlose Kickboard auf dem Rasen, die Touristen im Hintergrund oder der Mann, der rechts auf Höhe der Hose des Mannes auf der Wiese liegt und schläft.

Für mich ist das Bild super gestaltet, die einzige Frage, die man stellen kann, ob insgesamt zu viel drauf ist. Vielleicht wäre eine (Hochkant-)Variante auch interessant, die sich rein auf die Kindergruppe in der Mitte fokussiert, es wäre dann aber ein Foto, das eine andere Gesichte erzählt (Siehe unten: „Inhalt“)

Fotografisch:

Die Herausforderungen an dem Motiv sind sicherlich die schnellen Bewegungen der Kinder und die zerplatzenden Seifenblasen, die eine schnelle Verschlusszeit erfordern. Gleichzeitig gilt es, das sicher relativ krasse Gegenlicht auszugleichen und das Ganze mit einer Blende zu fotografieren, die die Skyline noch erkennbar abbildet. Ohne die Situation zu kennen, vermute ich, dass sich das Out of Cam kaum machen ließ und Du in der Bearbeitung Lichter und Schatten noch etwas ausgeglichen hast. Du hast mir gesagt, dass Du mit dem Sigma 35 1.4 ART fotografiert hast, den Exif entnehme ich, dass Du mit einer 1000el Sekunde fotografiert hast und einer Blende von 5.0, was ich nicht vermutet hätte. Ich hätte auf etwas um 9 oder 11 getippt, aber man sieht, dass im Weitwinkel eine Blende von 5.0 reicht, um auch die Skyline annähernd scharf zu bekommen.

Die Bearbeitung mag ich sehr, ich liebe schwarz-weiß und dabei einen klaren, kontrastreichen Look, weiß darf bei mir weiß sein und schwarz auch schwarz. In diesem Falle habe ich überlegt, ob S/W eine gute Entscheidung war. Je komplexer die Strukturen in einem Bild und je feiner die Details, umso mehr benötigt das Auge auch das „Hilfsmittel Farbe“ um sich zu orientieren. In dem Bild sind viele feine Details: Die Brückenkonstruktion, die Seifenblasen, die Tropfen, das Netz des Seifenblasenmachers. Für mich lösen sich diese Details in s/w zu einem sehr feinen Puzzle etwas auf. Vielleicht hätte Farbe die Orientierung in diesem Falle erleichtert? Grünes Gras, blauer Himmel, graue Skyline? Ich weiß es nicht, es ist nur eine Idee.

Inhalt:

Inhaltlich ist das Bild für mich ein Strauß, der erst nach einiger Zeit wirklich aufblüht und seine Vielfalt entdecken lässt. Vordergründig eine fröhliche Straßenszene an einem Sommer-Sonntag, doch je länger man hinschaut, desto mehr Nachdenkliches schleicht sich ein: Hinter den spielenden Kindern das gerade neu errichtete One World Trade Center, dass uns alle an 9/11 und den Terror erinnert. Es wird klar, dass diese Kinder , die hier spielen, das alles nicht erlebt haben, dass sie in eine Welt geboren wurden, in der diese Bedrohung schon da war und die sie vermutlich ihr ganzes Leben lang begleiten wird. Und doch zeigt das Bild auch, dass in jeder Welt Kinder eine Nische für Frohsinn und Ausgelassenheit finden.

Die zweite Geschichte, die ich in dem Bild finde ist der Schwarze, der hier die Seifenblasen macht. Er bespaßt hier die Touristen als Straßenkünstler. Er wohnt sicher nicht im teuren Manhattan oder in Brooklyn, er fährt vermutlich am Abend mit der Metro oder einem klapprigen Auto müde nach Hause mit seinem ganzen Gepäck unter dem Arm. Er sieht nicht so aus, als hätte er immer davon geträumt, in NYC Seifenblasen zu machen. Es ist konzentriert, aber nicht wirklich glücklich. Seine Schuhe wirken, als hätten sie ihre besten Zeiten hinter sich. Es ist sein Job, aber er ist kein Entertainer, der für seine Seifenblasen-Kunst brennt. Vielleicht ist der kleine schwarze Junge vor ihm sein Sohn, der ihm beim Tragen und Aufbauen helfen muss? Das Foto ist auch eine kleine Sozialstudie.

Und die letzte Geschichte die ich sehe, ist die Frage, wie wir in unseren Städten leben: Die ganze Szene spielt auf einem kleinen umzäunten Grün, die Großstadt mit ihren Wolkenkratzern kriecht aus dem Hintergrund heran, die Brücke überspannt alles, vermutlich hört man den Lärm der Stadt und des Verkehrs, die Wiese scheint eine kleine Insel der Ausgelassenheit und der Entspannung zu sein, eine kurze Auszeit vom Großstadtstress in der hektischsten aller Metropolen. Die Kinder hier sind mit ganz einfachen Dingen glücklich: Etwas Grün, ein uraltes, simples Spiel mit Seifenblasen, etwas Zeit und Aufmerksamkeit. Sogar der Vater am rechten Rand wird von der guten Laune erfasst. Das Leben kann so einfach sein.


Liebe Anette,

nun ist es etwas länger geworden als 15 Minuten, aber ich habe so viel in Deinem Foto gefunden, das ich Dir sagen wollte. Vielleicht kannst Du etwas mit diesen Gedanken anfangen, vielleicht inspirieren sie Dich? Vielleicht habe ich Dinge gesehen, die Du gar nicht hineinschreiben wolltest? So ist Fotografie. Vielen Dank, dass Du mir Dein Bild anvertraut hast.

Dein Matthias

Auf Eure sachlichen Kommentare freue ich mich und Teilen ist natürlich erwünscht…

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About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


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