Es werde Licht: Das Mitakon 35mm f:0,95 II

„Besser als Lichtstärke ist nur mehr Lichtstärke“ sagen manche Hipster-Fotografen und streichen dabei sinnend über ihre Leica M10 mit dem 50mm Noctilux 0,95. Für beides zusammen haben sie im letzten Sommer ihr Ferienhaus in Schweden verkauft und urlauben seitdem in der schönen Lüneburger Heide. Auf Würstchen wie uns, die wir mit japanischen Boliden der Kategorie „Wackerstein“ oder jetzt mit den kleinen Fujis herumziehen, schauen diese „Fine-Art-Photographer“ nur herab, weil wir technikversessen sind, statt uns um das Licht zu sorgen, wie die Meister. Mit einem APS-C Sensor überhaupt einen professionellen Auftrag zu übernehmen, grenzt schon an Blasphemie. „Damit kannste ja nicht ordentlich freistellen!“ ist eines der gängigsten Argumente gegen die „Spielzeugkameras“ aus dem mft- und APS-C-Lager.

Auch wenn ich hier mit einem Leica-Bashing einsteige, so muss ich doch gerade zugeben, dass dieser Blogpost genau etwas aufgreift, was Leica-Fetischisten so mögen: Reduziertes Fotografieren, manuelles Gestalten, Reduktion auf das Wesentliche. Genau darum geht es auch hier beim Mitakon Speedmaster 35mm f:0,95. Insofern darf der polemische Einstieg dieses Blogpostes sehr gerne augenzwinkernd verstanden werden.

Der Aufstieg der Fujis wird bereits von manchen wieder als bereits abklingender Hype abgetan, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass die Spiegellosen im Establishment der Fotografie angekommen sind. Fast alles können die Kleinen so gut wie die Großen, und bei manchem sind sie sogar überlegen. Aber Physik ist und bleibt eben Physik: Der kleinere Sensor stellt nicht ganz so extrem frei, wie sein Vollformat-Kollege. Es hängt also letztlich am Glas. Mit dem Fujinon 56mm f:1.2 hat Fuji schon eine ganz feine Linse am Markt mit der die Unterschiede zum Vollformat schon gewaltig zusammenschmelzen, vor allem, wenn man das Preisetikett noch in seine Betrachtung mit einbezieht.

Mit dem Mitakon Speedmaster 35mm f:0,95 findet sich am Markt aber inzwischen ein Objektiv, das wirklich einen Blick wert ist und für mich bereits nach dem ersten Shooting für Wow-Effekte sorgt. Die chinesische Firma Zhongyi hat nebem der Speedmaster-Reihe mit dem 25mm, 35mm und 50mm noch allerlei andere mehr oder weniger lichtstarke Festbrennweiten für verschiedene Systeme am Start. Allesamt sind manuell zu fokussieren, was den einen oder anderen vielleicht abschreckt. Auch ich hätte immer behauptet, mit einer manuellen Linse nicht fotografieren zu wollen und natürlich ist manches damit auch nicht oder nicht so komfortabel machbar. Aber gerade für Porträtshootings oder andere ruhige Themen eignet es sich hervorragend.

Ich habe mich für das 35mm entschieden, weil es für mich an APS-C die universellste Brennweite mit umgerechnet 50mm war. Ich kann damit zur Not „alles machen“. Die 50mm sind sicher ein Leckerchen, aber dann mit umgerechnet 75mm an APS-C doch relativ lang, die 25mm wären dann eher nichts mehr für schöne Porträts. Da meine einschlägigen Händler die Linse entweder gar nicht führen oder gerade nicht hatten, war ich diesmal auf das große weite Netz angewiesen, wo ich offenbar einigen Kollegen das letzte Exemplar bei amazon wegschnappte, das dann nach wenigen Tagen bei mir war. 599,- € sind für eine manuelle Linse nicht wirklich wenig Geld, aber dafür bekommt man auch wirklich etwas geboten: Bleischwer ploppt das Mitakon aus seinem absurd häßlichen Pseudolederetui. Eine Gegenlichtblende fehlt, was schade ist, aber es gibt wohl welche zum Einschrauben für wenige Euro. Die Kamera wird deutlich frontlastiger.

Hinweis: Es handelt sich hier um die Version II, die auch alle nehmen sollten. Die erste Version soll deutlich achlechter sein.

Der Blendenring ist rast-los und liegt ganz vorne an der Frontlinse und nicht wie gewohnt nahe zur Kamera. Rast-los meint in diesem Falle das Fehlen hör- und fühlbarer Rastungen bei den einzelnen Blenden. Die Blende schließt sich also von 0.95 bis 16 stufenlos. Das mag ungewohnt sein, ist aber völlig egal, denn diese Linse stellst Du auf 0,95 und kannst dann ein Klebeband über den Blendenring machen. Denn eigentlich kauft man sich diese Linse genau dafür: mit Blende 0,95 fotografieren. Für alles andere kann man das tolle und günstige Fujinon 35mm f:2 nehmen.

Der breite Fokusring läuft etwas schwer und ist sehr breit, was aber beides seinen Sinn hat. Man erwischt ihn schnell und der Fokus lässt sich sehr präzise einstellen, der gesamt Fokusweg von nah (ca. 30cm) bis unendlich umfasst ca. eine halbe Drehung des kompletten Ringes. Eine eingefräste Entfernungs- und Schärfentiefenskala erleichtert das Arbeiten, aber wir Fujianer haben ja einen tollen Sucher, der uns das Arbeiten diesbezüglich erleichtert. Welche Fokushilfe man nutzt, sei jedem selbst überlassen, ich komme mit dem Peaking besser klar als mit dem digitalen Schnittbild.

Das Objektiv überträgt keinerlei Daten zur Kamera, in den EXIF steht als Blende immer 1.0, was die Realität ja ganz gut trifft, solange man mit Offenblende unterwegs ist. Die Fujis bieten aber die Möglichkeit, per Hand eine Brennweite auszuwählen, die dann in die EXIF geschrieben wird.

Nach den berühmten Blümchen und Lampentestbildern, die unser aller Festplatten verseuchen, habe ich mich spontan mit Svenja (hier ihr instagram-Account) verabredet und mit ihr das Abendlicht in der Hamburger HafenCity genutzt. Alle Bilder hier sind aus diesem einen Shooting und mit Blende 0,95 entstanden. Um es kurz zu machen: ich war noch nie so spontan in den Look einer Linse verliebt. Ich hatte das 35mm 1.4. ART von Sigma an meiner 5DIII, das war auch toll, aber irgendwie nicht so besonders und speziell wie das Mitakon. Mir gefällt das ausgezeichnet, das manuelle Fokussieren ist wirklich einfacher als gedacht. Man muss sich nur daran gewöhnen, den angezeigten Autofokuspunkt zu ignorieren und den Finger vom Joystick der Kamera zu lassen. Ich hatte dann keinen einzigen Fehlfokus.

Die Bildqualität ist wirklich sensationell, die Schärfe stimmt auch und gerade bei Offenblende. Natürlich nimmt sie zum Rand hin ab, aber das ist eher der Physik geschuldet, als der mangelnden Qualität. Die Farben sind wunderbar und die Kontraste auch. Schaut Euch die Bilder unten an, ich finde, sie sprechen für sich. Die Freistellung ist natürlich sensationell, ein wirklich toller Effekt, der sich nicht nur bei Nahaufnahmen zeigt, auch Ganzkörperaufnahmen haben einen auffälligen 3D-Pop-Effekt, den ich sehr mag. Und mit dem Mitakon haben wir nicht nur die Freistellung eines 50er f:1.4 an Vollformat, sondern auch noch zusätzlich die Lichtstärke von f:0,95. Im Prinzip können wir damit im Dunkeln knipsen…

Bei Gegenlicht wird die kleine chinesische Diva etwas zickig, aber das habe ich an dem Abend auch noch nicht ausführlich probiert. Wie gesagt, es soll auch eine GeLi geben, die ich mir vielleicht noch zulege. Aber vielleicht möchte man die Flares und Reflexionen ja auch haben.

Fazit: für mich mein schönstes Glas. Charakteristisch, scharf, lichtstark, universell einsetzbar und reduziert auf das Wesentliche. Womit wir wieder beim Anfang und beim Leica-Bashing wären: Die Fujis, vor allem die X-Pro2 wird ja gerne als „Leica für Arme“ tituliert und das ja nicht nur wegen des traditionellen Kleides, das sie trägt, sondern auch wegen des reduzierten und althergebrachten Bedienkonzeptes. Ich bin auch von Canon zu Fuji gewechselt, weil ich mich wieder auf die wesentlichen Dinge besinnen wollte: Blende, Zeit, ISO und Bildgestaltung. Dieser Philosophie kommt das Mitakon sehr entgegen. Es fügt sich ein in die „manuelle Logik“ der Fujis, liefert tolle Ergebnisse und passt daher in meinen Augen wie „Arsch auf Eimer“ zu den Fujis.

Wer wissen möchte, was das für ein schöner Gurt ist, findet alle Infos hier…. Alle anderen freuen sich an den Bildern von der wunderbaren Svenja:

 

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


4 Comments:

  1. Oliver
    August 16, 2017

    Hallo Matthias. Bin per Zufall auf dein Beitrag gestossen. Sehr schöne Bilder und inspirierend das Objektiv;). Weiterhin viel spass damit und immer gut Licht!

  2. Markus
    August 16, 2017

    Schöne Bilder sind bei dem Test entstanden!
    Ja, manuelle Objektive und spiegellose Kameras sind ein gutes Gespann, und Mitakon hat einige spannende hochlichtstarke Objektive dafür.

  3. Jörn
    September 09, 2017

    Gefällt mir. Der Look ist klasse. Nur – das Glas passt leider nicht auf meine X100F. Da frage ich mich schon wieder, ob ich noch eine weitere Kamera brauche …

  4. Peter Kasbergen
    September 13, 2017

    Great work together! The Mitakon certainly has my attention. I should probably stop looking at posts like this or else I will have to buy one. 😉


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