Wer meinen Bericht zum Kamerahalfter gelesen hat, weiß, dass ich über die bei Fotografen ohnehin weitverbreitete Schwäche für Taschen und Gurte auch eine Schwäche für edle Materialien und Handarbeit habe. Das macht das ohnehin teure Hobby noch teurer, weil man bisweilen Summen in „Zubehör“ investiert, für die man auch ein Objektiv oder anderes nützliches Gerät erwerben könnte.

Einer meiner ersten Schwächeanfälle in dieser Hinsicht war vor längerer Zeit die „Compagnon“ Fototasche, die inzwischen aufgrund des großen Erfolges große und kleine Geschwister bekommen hat und deswegen nun als „Comapgnon The Messenger“ firmiert, um sie von den anderen zu unterscheiden. Link zum Shop von Compagnon

Heute kommt kein Produkt mehr auf den Markt ohne eine Selling-Story, in diesem Falle ist die kurz erzählt: Zwei Jungs aus der Praxis sind unzufrieden mit dem Angebot und beschließen, die ultimative Fototasche kompromisslos selbst zu bauen und zu vermarkten. Schlauerweise schenken sie dem Stilpiraten vor dessen Vietnam-Reise ein Exemplar, dieser legt segnend seine Hände auf das Projekt und schreibt darüber auf seiner Seite. Und Bämm!! Die Tasche verkauft sich trotz des Preises von rd. 380,- € (Puh, jetzt ist es raus…) wie geschnitten Brot.

Ich gebe zu: „Kompromisslos-ultimativ-weltbest-perfekte Fototasche ever“. Das ist genau meine Flughöhe, darunter mache ich es nicht. Da beiße ich an und mein Konto auf die Zähne. Und wenn der Stilpirat die toll findet, erst recht… Allerdings bin ich dann auch kritisch…

Die banale Erkenntnis ist: Es gibt keine „beste“ Fototasche. Aber gute und schlechte. Die Compagnon ist eine der guten, wenn auch bei weitem nicht perfekt. Trotzdem mag ich sie. Und das ist auch schon eines ihrer hervorstechendsten Merkmale: Trotz ihrer ganzen kleinen Fehler und Fehlkonstruktionen ist sie eine Tasche mit Seele und Patina, sie wird ein Teil von Dir und bleibt nicht nur eine „Tüte für Fotokrams“ wie viele andere Taschen. Ich mag Taschen, die nicht sofort als Fototasche erkennbar sind und stehe auf natürliche Materialien.

Von vorne

Von vorne

Die Compagnon ist komplett aus weichem Büffelleder, was man riecht und spürt. Sie sieht aus wie eine normale, etwas größere Ledertasche und sie schreit nicht gleich „Hallo, hier ist ganz viel teures Foto-Zeugs drin!!“ Ich erspare Euch die detallierte Beschreibung, das haben die Schöpfer Valentin und Vitalis ausführlich auf Ihrer Seite getan. Ich möchte Euch stattdessen hier ganz subjektiv meinen Eindruck aus der Praxis als Hochzeitsfotograf wiedergeben.

Fototaschen haben ein Dilemma und deswegen zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen: entweder die Tasche ist relativ schmal und liegt am Körper an, dann muss das Equipment innen gestapelt werden. Oder die Tasche baut ausladend, im Extremfall wie ein Koffer, dann kommt man mit einem Griff an alles heran, rumst aber überall gegen. Einen Kompromiss habe ich bis heute nicht gefunden. Die Compagnon hat sich für das erste Model entschieden: Die Tasche ist eher hoch als tief und durch eine leichte Rundung schmiegt sie sich an den Körper an. Dadurch ist sie sehr angenehm zu tragen und man donnert nicht überall gegen. Nachteil ist, dass sie in zwei Schichten beladen werden muss: Die erste Schicht verschwindet unten am Taschengrund, dann kommt oben drauf eine zweite Schicht, was die Zugänglichkeit grundsätzlich erschwert. Aber an der Logik kommen auch kreative Taschenschneider nicht vorbei.

Innen ist die Compagnon wie jede andere Fototasche auch aufgebaut: Weiche, gepolsterte Trenner lassen sich nach Bedarf per Klett anpassen und schützen das gute Equipment.

Ich bin inzwischen auf der Spur, mit immer weniger Equipment loszuziehen, auf Hochzeiten habe ich eigentlich nur noch zwei Kameras, ein 35er und ein 85er, sowie zwei Blitze und ein bisschen Kleinkram dabei. Damit ist die Compagnon nicht ausgelastet.

Kommen 24-70, 100er Makro und das 50er dazu, wird es schon voller, und soll auch das 70-200 mit, muss irgendwas zuhause bleiben, dann wird die Tasche aber auch unangenehm schwer und mahnt einen nachhaltig, auf Rücken und Gesundheit zu achten. Weshalb ich zum fotografieren mein iPad oder Laptop mitnehmen soll, habe ich bis heute nicht verstanden, aber ein Fach dafür gibt es auch. Handy und Geldbörse gehen vorne in die Außentasche, Visitenkarten sind ohnehin dabei und finden in den zahlreichen kleinen Täschchen Platz. Es kann losgehen!

Die Compagnon trägt sich wirklich angenehm. Der breite Gurt hat einen noch breiteres Lederpolster, die Tasche passt sich dem Körper an und trägt nicht auf, soweit man das von einer Fototasche überhaupt behaupten kann.

Vollbeladen am Körper

Vollbeladen am Körper

Vor Ort mache ich eine Kamera schussbereit, so entsteht gleich viel Platz und eine anfängliche Enge verwandelt sich in gepflegte Gemütlichkeit, ggf. lade ich dann noch das ein oder andere Objektiv aus dem Auto nach und ziehe los.

Grundsätzlich macht die Tasche das, was sie soll: Sie trägt und schützt mein Equipment auf unauffällige und sehr elegante Weise. Menschen mit Geschmack fällt die Tasche sofort auf und sie bekommt mehr Komplimente, als ich. Ich bin wirklich schon häufiger darauf angesprochen worden. Das ist nicht der eigentliche Sinn einer Tasche, trägt aber auf Kundenseite zu einem bestimmten Eindruck bei, über den ich nicht unglücklich bin: Wer sein Equipment nicht so protzig und offensichtlich, sondern elegant, stilvoll und unauffällig dabei hat, macht vielleicht auch solche Fotos?

Nun zu den Macken, die diese Tasche hat, denn wie gesagt, keine Tasche ist perfekt.

Unten Magnet, oben Verschluss. Murks!

Unten Magnet, oben Verschluss. Murks!

Am meisten nervt mich der Verschluss: Die große Lederklappe (mit Rainflaps an den Seiten) schließt mit einem Magneten. Eine elegante, aber nicht wirklich gute Variante. Zum einen ist ein Magnet nicht wirklich stabil, wenn die Tasche im Auto umfällt und ein 24-70 den Weg in die Freiheit sucht. Zum anderen ist der Magnet so befestigt, dass er bei leerer Tasche zwar genau auf seinem Gegenstück landet, nicht aber bei voller Tasche. Dann ist die Tasche so bauchig, dass die Lederklappe schlicht zu kurz wird, um den Verschluss zu erreichen. Faktisch läuft man mit einer offenen Tasche herum. Wenn dann Equipment noch locker oben drauf liegt, droht bei schnellen Bewegungen doch mal Equipment-Verlust. Ich hatte dieses Problem mal per Mail den Jungs von Compagnon geschildert, aber nie eine Antwort erhalten. (Achtung: Nachtrag unten!) Bei den neuen Modellen haben sie es genauso gemacht. Vielleicht bin ich der einzige mit dem Problem? Auf den Fotos seht Ihr im beladenen Zustand den Magneten und sein Gegenstück im Deckel. Das kann nicht funktionieren. Der Magnet ist innen mit einem Lederläppchen kaschiert, das sich allerdings schnell löst. Auch nicht gut, bei dieser Preisklasse.

An den Schmalseiten innen befinden sich kleine Täschchen für Speicherkarten oder Visitenkarten. Eine davon hat einen Klett-Verschluss. Leider bleibt man mit jedem Objektiv, das man an dieser Stelle in der Tasche versenkt, beim Herausnehmen hängen, zumal dann, wenn man noch die Gegenlichtblende umgekehrt drauf hat. Das Fach ist für 24-70 und 70-200 unbrauchbar. Eine Kleinigkeit, aber wenn man antritt, um die ultimative Tasche zu bauen, dann sollte man so etwas ausprobieren.

Schließlich hat die Tasche an den äußeren Ecken senkrechte Reißverschlüsse, mit denen man die Vorderfront öffnen und abklappen kann. Eigentlich eine gute Idee, um an die untere Etage heranzukommen. Doch gleichzeitig ist die Vorderwand „tragendes Element“ für die Schaumstoff-Trenner. Klappe ich die Front auf, reiße ich sie gleichzeitig von den Trennern. Das kann auf Dauer nicht sinnvoll sein. Ausserdem gehen die Reißverschlüsse immer von alleine ein wenig auf.

Das iPad wird an der körpernahen Seite in eine gepolstertes Fach geschoben. Damit lastet der ganze Druck zwischen Tasche und Hüftknochen auf dem Display. Ich traue mich nicht, das Pad dort unterzubringen, aber das kann auch einfach nur gesunde Paranoia sein.

Und schließlich hätte ich mir im Lieferumfang einige Schaumstoff-Trenner gewünscht, die nur an einer Seite Klett haben, die man also wie eine Tür oder Luke in der Tasche befestigen und ggf. hochklappen kann, um an die Dinge am Boden der Tasche heran zu kommen. Eine Tasche, die in zwei Ebenen befüllt wird, sollte auf die Frage: „Wie komme ich schnell und praktisch unten heran?“ eine Antwort haben.

Fazit: Die Tasche ist keine Sensation, sondern einfach eine sehr, sehr gute, im Prinzip auch weitgehend praktische und gut durchdachte Ledertasche mit viel Stil und handwerklicher Leidenschaft. Sie ist hervorragend verarbeitet, stabil und wertig. Bei Nässe und im Alltag bekommt sie Patina und Gebrauchsspuren, das Leder bekommt Knickspuren und scheuert ab, eben genau das, weshalb man sich eine Ledertasche kauft. Für die Größe geht unfassbar viel hinein, wenn man sie nicht komplett vollstopft, trägt sie sich wunderbar angenehm und fällt nicht auf. Das Leder riecht nach Leder, auch noch nach einem Jahr und passt sich langsam aber sicher der Körperform und der Beladung an. Ich liebe diese Tasche, weil sie meinen Stil verkörpert, meine Vorstellung von „guter Arbeit“ und Wertigkeit visualisiert und über den Tag hinaus funktioniert und gut ausschaut. Die kleinen Macken verzeihe ich ihr, warum soll die Fototasche perfekt sein, wenn man es selber nicht ist?

Nachtrag: Ich habe inzwischen ein sehr nette Mail von Valentin von Compagnon bekommen. Die Jungs kennen die Probleme und nehmen sie auf, insofern bin ich gespannt auf die nächste Auflage, das Magnetproblem löse ich möglicherweise durch einen zweiten, höher angesetzten Magneten. So haben das einige Kollegen gemacht, siehe den Kommentar von Martin.

Hier noch ein paar Detail-Fotos:

Ich freue mich auf Eure Anmerkungen und Erfahrungen!

About the Author:
Hat Geschichte studiert und will mit Bildern Geschichten erzählen. Wenn er fotografiert ist er glücklich, wenn die Fotografierten glücklich sind, ist er erst recht glücklich. Autodidakt mit aktueller Tendenz zum Weniger ist Mehr.


2 Comments:

  1. Tage
    Februar 21, 2015

    hi,

    Bei Amazon gibt’s es eine , als Messenger Bag getarnte Tasche, die der compagnon aufs Haar gleicht. Wer von wem kopiert hat weiß ich nicht. Fakt ist: bei Amazon gibt’s die Tasche unter hundert Euro. Ganz ohne Geschichte und stilpirat. 🙂

  2. Martin
    Februar 23, 2015

    Hey Matthias,
    toll geschriebener Review (ich will schon die ganze Zeit einen schreiben und hab leider noch nicht die Zeit gefunden). Du nimmst mir einiges mit Deinem Bericht ab, denn Deine Anmerkungen kann ich vollkommen verstehen und nachvollziehen. Das Problem mit der vorderen Klappe und den Klettverschlüssen sowie den sich selbst öffnenden Reißverschlüssen und der kleinen Klett Tasche im inneren sind auch meine wichtigsten Punkte. Das Problem mit dem Verschluss habe ich gelöst bekommen nachdem ich einen zweiten Magneten von den Jungs geschickt bekommen habe. Sieht zwar nicht sehr edel aus, funktioniert aber.
    Wie Du bereits geschrieben hast, die Tasche ist nicht perfekt – aber ich liebe sie trotzdem. Immer wenn ich Sie in die Hände nehme, dann fühle ich das (mittlerweile) sehr weiche und geschmeidige Leder und es fühlt sich einfach toll an.
    Ich denke die Jungs von Compagnon werden diese Probleme irgendwann in den Griff bekommen (nur leider haben wir die 1. Generation und werden dann von den Verbesserungen leider nicht profitieren (außer wir investieren nochmal). 🙂
    Nichts desto trotz – nicht perfekt – aber das muss Sie nicht, die Tasche schaut gut aus, fühlt sich fantastisch an und wenn man mit den kleinen Makeln leben kann, dann ist Sie ein toller Begleiter!

    Danke für Deinen Review – hat Spaß gemacht zu lesen

    Viele Grüße und Gut Licht aus Göppingen
    Martin


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